Wenn es Schlag auf Schlag
geht
Cool bleiben und weglaufen
Blackout, gleich ausrasten,
gleich mitmischen. So reagiert der 19-Jährige Mustafa, wenn er sich
provoziert fühlt. Wird er dumm angemacht, "dann ist die erste Faust
drin." Zwei Mal im Monat gerät er in eine Schlägerei. Mustafa ist
kein Einzelfall, jeder zehnte Jugendliche war schon einmal in eine ernsthafte
Prügelei verwickelt, schätzt Professor Christian Pfeiffer vom
Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover. Früher hörten
die Schläger auf, wenn einer am Boden lag. "Das ist heute anders",
weiß Hermann Karpf von der Stuttgarter Polizei. "man ist nicht zufrieden,
wenn der Andere besiegt am Boden liegt, sondern schlägt oder tritt weiter
auf ihn ein." Brennpunkt der Gewalt: Stadtviertel, in denen soziale
Gegensätze aufeinander prallen. Aber auch Discos, öffentliche
Verkehrsmittel, Jugendtreffs und Schulweg nennt Kriminologe Pfeiffer als
Tatorte. Eine Studie Pfeiffers, für die Jugendliche aus neun deutschen
Großstädten befragt wurden ergab, dass neun Prozent gelegentlich
Messer oder Schlagringe bei sich haben. Sieben Prozent sind mit Tränengas
ausgerüstet und drei Prozent tragen Schusswaffen mit sich herum. Gerade
der Schusswaffenbesitz sei im Vergleich zu früher relativ hoch, so Pfeiffer.
Von Waffen hält Benjamin, 19 Jahre und wie Mustafa aus Hamburg,
überhaupt nichts: "Im Endeffekt bin ich da selber der Arsch."
Diese Meinung teilt Polizist Karpf: "Wer Waffen besitzt, gebraucht sie im
Zweifelsfall auch, obwohl er sich nicht über die Folgen im Klaren ist".
Viele gäben zwar vor, sie bräuchten die Waffen, um sich zu verteidigen.
Oft genügt aber ein aggressiver Blick, eine provokante Bemerkung als
Anlass, um die Waffe auch zu benutzen" - oft mit katastrofalen Folgen. Für
den Kriminologen Pfeiffer machen Selbstverteidigungskurse Sinn. Sie stärken
das Selbstbewusstsein und verändern die Körpersprache. Das ist
wichtig, denn "wer ängstlich wirkt, wird leichter zum Opfer". Dem stimmt
zwar auch Jugendkoordinatorin Claudia Ringel von der Frankfurter Polizei
zu. Sie hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die Kampfsport
betreiben, sich dadurch besonders stark fühlen und erst recht brenzlige
Situationen suchen, um das Gelernte zu erproben. "Die beste Waffe sind die
Beine zum weglaufen", glaubt Benjamin. Professor Pfeiffer gibt ihm da recht,
"Es gehört Mut dazu, auszuweichen und in Kauf zu nehmen, dass andere
einen als Feigling bezeichnen", sagt der Kriminologe. Da oft Messer zum Einsatz
kämen, lohne es sich nicht, Stärke vorzutäuschen. Man setzt
unter Umständen sein Leben aufs Spiel, denn man weiß nicht wie
verrückt die andere Seite ist. "Lieber unzerstört bleiben und den
Imageverlust hinnehmen", rät Pfeiffer. Die Kränkung gehe wieder
vorbei, die Folgen einer Verletzung bleiben vielleicht ein ganzes Leben.
(dpa / erschienen am
1.9.2000 in den Ruhr Nachrichten)
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