Gedenken zum Tag der Bücherverbrennung 10. Mai 1933  

Plakette Schule ohne Rassismus     Comedian Harmonists - Chor 7

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Zum Gedenken an die "Kultsänger"
der Dreißiger Jahre haben wir einige
Lieder einstudiert und am 11. Mai
vorgetragen!


v.l.n.r.: Erwin Bootz, Ari Leschnikoff, Erich A. Collin,
Harry Frommermann, Roman Cycowski, Robert Biberti

Repertoire:
Mein kleiner grüner Kaktus
Schöne Isabella aus Kastilien
Irgendwo auf der Welt
In einem kühlen Grunde
The way with every sailor
Wochenend und Sonnenschein
Veronika, der Lenz ist da
Ein Freund, ein guter Freund
Liebling mein Herz lässt Dich grüßen
Ein Lied geht um die Welt
Alibaba


 
Geschichte der Comedian Harmonists:

Comedian Harmonists

Angefangen hat alles mit einer Zeitungsanzeige, die Harry Frommermann am 18.12.27 im Berliner Lokal-Anzeiger aufgab. Frommermann hatte, wie außer ihm Robert Biberti, keine akademische Gesangs- und Musikausbildung. Auf die Annonce meldeten sich 70-100 Männer, meist mit wenig Talent. Als Harry die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, meldete sich ein Robert Biberti. Er war der einzige, der beim Vorsingen von Frommermann wegen seiner außergewöhnlichen Bassstimme akzeptiert wurde.
Später brachte Biberti noch zwei Chorkollegen aus dem Großen Schauspielhaus mit: Den Bulgaren Ari Leschnikoff und den Polen Roman Cycowski. Zunächst sang noch Walter Nußbaum als zweiter Tenor, aber er wurde im März 1929 durch Erich Collin ersetzt. Im März 1928 brachte Ari Leschnikoff dann noch seinen Freund Erwin Bootz mit, den jüngsten der sechs.
Zwischen Frommermann und Bootz entwickelte sich bald ein Konkurrenzverhältnis, weil Bootz mit seiner guten Ausbildung Frommermanns Arrangements als einfaches Rohmaterial behandelte. Frommermann fühlte sich ihm unterlegen, glich aber durch enormen Fleiß und Kreativität aus, was ihm Bootz voraus hatte. Der Lebemann Bootz hatte als einziger beträchtliche Finanzmittel zur Verfügung, er kam aus gutem Hause.
Die erste Probe fand am 5. Januar 1928 in Frommermanns Mansarde statt. Monate harten Probens standen bevor, für die keinerlei Geld gezahlt wurde. Das musste durch normales Chorsingen beschafft werden, oder durch Singen in den Berliner Hinterhöfen. Die Polizei nannte das "Betteln" und belangte sie entsprechend. Aber alle einte die Hoffnung auf Erfolg. Im Juni 1928 fand in der "Berliner Scala" ein erstes Vorsingen statt, das katastrofal endete: Man erklärte ihnen, dass die Scala ein "Vergnügungslokal sei und kein Beerdigungsinstitut". Der Agent Levy, ein Verwandter Frommermanns, organisierte ein zweites Vorsingen. Levy rief den Berliner Varietékönig Erik Charell an, bei dem das Sextett sein kleines Repertoire nochmals vortragen durfte. Charell machte ein Angebot, das Levy zum Entsetzen der sechs Männer ablehnte. Er schickte die Sänger lieber in die Kneipe und ging dann mit ihnen zum Konkurrenten Haller mit seiner Revue im Admiralpalast. Kaum waren sie dort angekommen, erschien ein Bote von Charell. "Ich biete die doppelte Gage. Wenn sie bei Haller abschließen, mache ich sie in der Branche unmöglich." So kamen sie zu der "enormen" Abendgage von 120 Mark. Am 28. September 1928 kam es in Charells "Großem Schauspielhaus" zum ersten Auftritt. Nur drei Wochen später pendelten die Comedian Harmonists am Abend nach der Vorstellung noch zum Programm im Kabarett der Komiker und bald auch an andere Orte. Die Einkünfte stiegen rasch. Wo immer sich Gelegenheit bot, sang man drei oder vier Titel, kassierte die Gage und zog weiter. Bald engagierten alle renommierten Veranstalter in Berlin die Gruppe. Im März 1929 fand ein erstes Gastspiel in Hamburg, bald darauf in Köln und Leipzig statt. Die Auftritte in Leipzig müssen für das Sextett den Durchbruch bedeutet haben. Die gefeierten Stars der sämtlich ausverkauften Abende waren die Comedian Harmonists mit ihren Einlagen. Das Publikum rast. Jedoch waren die Comedian Harmonists immer nur eine Art Einlage in einem größeren Revueprogramm. Der Erfolg hat sie angespornt, sie planten größere Vorhaben, denn sie wollten eigene Konzerte geben. Bei aller Popularität, sie waren noch nicht landesweit bekannt. Als erster Auftrittsort wurde Leipzig festgelegt, weil man dort schon vorher so gefeiert worden war. Aber sie hatten alles alleine zu organisieren, denn keiner der Veranstalter wollte ein Risiko eingehen.
Ari Leschnikoff sagte 45 Jahre später: "Dieses Schreien, dieses Toben des Publikums, ich war baff. Ich konnte kein Wort..., nur Tränen. Ich habe geweint vor Freude." Und Biberti resümierte: "Später hatten wir in Leipzig noch viele Konzerte, ich weiß nicht, wie viele im Jahr. Sie waren in zwei Stunden ausverkauft. Eine Zeitungsnotiz genügte: "Die Comedian Harmonists kommen!" - Keine Reklame, nichts - wir waren regelmäßig ausverkauft."
1930 hatten sie ihr erstes Auslandsgastspiel in Amsterdam und sangen erstmals auch in einem Film mit: Gassenhauer. In "Die drei von der Tankstelle" sangen sie im gleichen Jahr das berühmte "Ein Freund, ein guter Freund" und bekamen für einen Drehtag sage und schreibe 1500 Mark. Man verdiente enorme Summen, führte ein aufwändiges Leben, fuhr große Autos, hatte Affären. In ihren besten Jahren, so erinnert sich Roman Cycowski später, hatte jeder einzelne von ihnen 40000 bis 60000 Mark Jahreseinkommen. Gleich zum Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit hatten die Mitglieder des Ensembles einen Vertrag abgeschlossen, der jedem gleiche Anteile an den Einnahmen sicherte.
1932 traten die Comedian Harmonists in der Berliner Philharmonie auf. Da dort nie Unterhaltungsmusik gegeben wurde, war das eine Sensation ersten Ranges. Das konservative Musikpublikum schien mit dieser "Entweihung" gar keine Schwierigkeiten gehabt zu haben. 2700 Besucher applaudierten enthusiastisch. Das war der endgültige Durchbruch, denn von nun an galten die Konzerte der Gruppe als Kunst, d.h. es musste von den Einnahmen keine Vergnügungssteuer mehr abgeführt werden. 150 Konzerte im Jahr wurden absolviert.

 Auftritt der Comedian Harmonists

 
Das Jahr 1933 und brachte den Machtantritt der Nazis. Zunächst schien sich wenig zu verändern. Die Sänger interessierten sich nicht für Politik, hielten sich wohl auch für so populär, dass sie ohnehin keine Befürchtungen für sich selbst hegten. Aber dennoch: Erste vertraglich vereinbarte Konzerte wurden schon im Jahre 1933 abgesagt, weil man keine Juden mehr auf deutschen Bühnen sehen wollte. Auch die UFA verweigerte den Ensemblemitgliedern die Mitarbeit an weiteren Filmaufnahmen. Vielleicht wollten sich die sechs Sänger darüber selbst hinwegtäuschen, dass darin deutliche Zeichen zu sehen waren, die noch weit Schlimmeres ankündigten. Vielleicht hofften sie wie viele, dass der Nazispuk rasch vorübergehen würde. Jedenfalls haben sie anfangs wohl die direkten Auswirkungen der Zeit nicht deutlich genug erkannt.
Am ersten November 1933 erließ Goebbels eine folgenschwere Durchführungsverordnung zum Gesetz, die die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer und ihren Untergliederungen regelte. Danach musste jeder die Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer beantragt haben, wenn er auf deutschen Bühnen Musik darbieten wollte. Paragraph 10 regelte den Ausschluss von der Mitgliedschaft: "...wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, dass die in Frage kommende Person, die für die Ausübung ihrer Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzt."
Es gab keinen Zweifel, wie das zu verstehen war, und es wurde verstanden. Juden konnten nicht Mitglieder in den Kammern werden. Um auch wirklich das letzte Missverständnis zu beseitigen, erklärte Goebbels am 5. März 1934 sehr deutlich und ausführlich, dass
1. nur ein Kammermitglied auftreten durfte, und
2. Juden niemals Kammermitglied werden konnten.
Alle sechs Ensemblemitglieder hatten schon länger einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt, aber nun konnte man kaum noch auf einen positiven Bescheid hoffen, auch wenn die Gruppe gemischt und nicht volljüdisch war. Die Comedian Harmonists hatten zu diesem Zeitpunkt gerade eine ausgedehnte Deutschland-Tournee gestartet, die über eine Sondererlaubnis lief. Aber es gab Absagen in vielen Orten, Rangeleien und Schikanen.
Das letzte Konzert in München behielten alle Akteure in besonderer Erinnerung.
Ihr Abschiedslied "Auf Wiedersehen, my Dear" gewann eine sehr hintergründige Bedeutung. 
Ab Mai 1934, lief die Sondergenehmigung aus, es blieb der Gruppe jeglicher Auftritt auf einer deutschen Bühne untersagt, auch der Rundfunk hatte das Ensemble seit Frühjahr 1934 nicht mehr im Programm.
1934 kam es dann auch wegen der Verdienstausfälle innerhalb der Gruppe zum Streit. Die "Arier" beanspruchten einen höheren Anteil, weil ja die anderen Schuld daran seien, dass man in Deutschland nicht mehr auftreten und verdienen könne. Aber am Ende blieb es doch dabei, dass jedem ein Sechstel zustand. Vor allem hielt sich die Gruppe nun mit Auslandauftritten über Wasser. Sie reisten in den letzten Monaten ihres Bestehens nach Dänemark, nach Amerika (dort gab es den berühmten Auftritt in New York auf dem Flugzeugträger "Saratoga" vor der versammelten Atlantik- und Pazifikflotte und außerdem mehr als 30 Rundfunkauftritte), nach Italien und Norwegen. Nicht zuletzt wurden diese Auslandsauftritte auch unternommen, um zu testen, ob es möglich war, jenseits der Heimat sein Auskommen zu haben. Besonders der New-York-Aufenthalt stand unter dieser Frage. Aber letztlich kehrten alle gemeinsam wieder zurück.

die Comedian Harmonists in Amerika

Die Situation in Deutschland war außerordentlich bedrohlich, trotzdem klammerte man sich an die letzten Hoffnungen. Zwar waren die Comedian Harmonists nicht in die Reichskammer aufgenommen worden und durften folglich nicht mehr in Deutschland auftreten, aber andererseits war immer noch keine förmliche Ablehnung eingegangen. Das geschah nun am 22. Februar 1935. Biberti, Bootz und Leschnikoff erhielten positiven Bescheid, die drei Nichtarier wurden abgelehnt. Damit war ihnen endgültig das Recht auf Berufsausübung entzogen und die Gruppe in zwei Hälften geteilt. Kurze Zeit später einigte man sich darauf, dass aus den beiden Teilen jeweils wieder eine neue Gruppe gebildet werden sollte. So trennte sich die Gruppe, die drei Arier blieben in Deutschland, die Nichtarier gingen ins Ausland. Alle versuchten noch weitere musikalische Erfolge zu erzielen, die teilweise auch nicht ausblieben. In dieser Zusammensetzung hat sich die Gruppe jedoch nie wieder getroffen.
Und der Glanz der Comedian Harmonists wurde in diesem Ausmaß nie wieder erreicht.
 
Alle Künstler überlebten den Naziterror:
Erwin Bootz starb am 27. Dezember 1982 im Alter von 75 Jahren in Folge eines Herzinfarktes in Hamburg.
Ari Leschnikoff starb am 31. Juli 1978 völlig verarmt im Alter von 81 Jahren.
Erich Abraham Collin starb am 28. April 1961 mit 62 Jahren während einer Blinddarm-Operation an Herzversagen.
Harry Frommermanns letzte Lebensjahre waren von Krankheiten überschattet, 1975 starb er in Bremen.
Roman Cycowski starb am 9. November 1998 in Palm Springs, er wurde 97 Jahre alt.
Robert Biberti starb am 2. November 1985 mit 83 Jahren in Berlin an Nierenversagen.
 
Quellen:
Joseph Vilsmaier/Gustav Kiepenheuer
COMEDIAN HARMONISTS - eine Legende kehrt zurück
ISBN 3-378-01025-8
 
Eberhard Fechner
DIE COMEDIAN HARMONISTS - Sechs Lebensläufe
ISBN 3-453-13899-6

http://www.comedian-harmonists.de
 

 
     

11.05.2001