In diesem Aufsatz werde
ich wesentliche didaktische Aspekte unserer Erinnerungs(ver)suche
darstellen.
Ich werde zunächst auf didaktische Fragen des
Erinnerns eingehen, methodische Zugänge
reflektieren und den gewählten Weg näher darstellen. Es ist
ein anthropologisch fundierter Ansatz, der die Körper- und Leibdimension
erfasst und Erinnerungsspuren am Körper der Menschheit
(am <<Schmerzkörper>>) verfolgt. Erinnerung
ist dabei im Sinne Dietmar Kampers die mit Phantasie betriebene
Entschlüsselung einer Narbenschrift [4], die auf der Haut lesbar
wird und auf Schmerz verweist. Haut und
Schmerz (Scarry) sind damit Schlüsselbegriffe der
Erinnerungssuche, die reflektiert werden müssen. Einige grundlegende
Aspekte dieser begrifflich - inhaltlichen Befragung werde ich daher den
Darstellungen der gestalterischen Erinnerungsarbeit voranstellen.
Die gestalterische Erinnerungssuche benötigt Suchpfade, auf denen
SchülerInnen notwendige Assoziationen zur Thematik
<<Schmerzkörper>> gewinnen können.
Solche Impulse finden wir in den Figurengruppen <<Seated Figures>>,
<<Crowds>> und <<Backs>> [5]
der polnischen
Künstlerin Magdalena Abakanovicz. Die Konfrontation mit diesen Torsi-Gruppen stimmt SchülerInnen auf Opfermassen und Holocaust ein. Durch
Korrespondenzen der Werke mit dem Heine-Gedicht Leib und Seele
vertiefen sie darüber hinaus Fragen nach dem Verhältnis von
Körper und Seele im Tode bzw. während Folter und Vernichtung.
Die Auseinandersetzung mit diesen Werkgruppen und den vertiefenden Fragen
schaffen eine Basis für den Bau eigener Torsi und das
zerstörende Eingreifen auf diese Figuren, die so zu
<<Schmerzkörpern>> werden.
Die Darstellung der Gestaltungsarbeiten bezieht sich auf einen
mehrperspektivischen Zugang, der konstruktive und destruktive Prozesse in
einem konträren Spannungsverhältnis folgen lässt.
SchülerInnen erleben beim Bauen der Figuren gestaltbringende Prozesse,
die auf menschliche Genese und Wachstum verweisen. Konträr hierzu stehen
die aggressiven Eingriffe auf die entstandenen Körper, die brutale
Vernichtung und Auslöschung von Leben bedeuten. Innerhalb dieser Prozesse
erfahren SchülerInnen Täter- und Opferperspektive gleichermaßen.
Sie sind einerseits Aggressoren und versetzen sich andererseits empathisch
in das Leid ihrer <<Schmerzkörper>>. In diesen Phasen wird
die Phantasie des Erinnerns [6]
radikal reaktiviert. Im
Zeitschock des Verwundens und der Wunde (Kamper) können
SchülerInnen erleben, was Vernichten und Vernichtet
werden bedeutet. Reaktionen der SchülerInnen während dieser
Phase spiegeln Vorgänge des Erinnerns. Innere Widerstände,
Verweigerung, Schrecken, Angst, Sprachlosigkeit, Trauer, um das Zerstörte
usw. treten auf, müssen aufgegriffen und intensiv reflektiert werden.
Das geschieht in Gesprächen und darüber hinaus in Texten,
die SchülerInnen zu ihren Figuren verfassen.
Da das Projekt nicht nur die Erinnerungssuche der SchülerInnen des Kurses
anregen will, sondern auf die breitere Auseinandersetzung innerhalb der
Schule/Schulgemeinde angelegt ist, gehe ich auch auf die Reaktionen
ein, die während der Ausstellung der
<<Schmerzkörper>> im Foyer der Schule beobachtbar sind.
Reflexionen zur Erinnerungsarbeit:
Von der Notwenigkeit, sich an den Holocaust zu erinnern
Die Grundintention unseres Projekts ist es, an die Opfer des Holocausts zu
erinnern. Diese Erinnerungs- oder Gedenkarbeit ist notwendig, um einem Vergessen
und Verdrängen der Vergangenheit vorzubeugen. Gleichzeitig setzen wir
uns neonazistischen Strömungen entgegen, denen auch unsere Schüler
und Schülerinnen ausgesetzt sind und von denen einzelne stark beeinflusst
werden.
Wir sehen die Gefahr, die Heinz Schmitt formuliert: Wenn wir nicht
aktiv mit unserer Erinnerung umgehen, werden unsere Erinnerungen mit uns
umgehen. [7]
Das eigene Verhalten muss infrage gestellt werden.
Erinnern und seine Manifestationsform, das Gedenken sind wesentliche
Vorraussetzungen dafür. [8]
Eine Erinnerung an die Opfer des Holocausts verlangt einen Eingriff in die
Zeit, ein Innehalten, einen Stopp. Schmitt spricht von einer Unterbrechung
durch Erinnerung. Sie gibt erst die Möglichkeit, Vergangenheit
zur Geschichte zu gestalten, indem die Ahnung anderer Konfigurationen, anderer
Modelle spürbar sind. Erst eine auf Erinnerung gegründete
Solidarität mit den Toten macht die notwendige vorgreifende
Solidarität mit zukünftigen Generationen möglich. [9]
Die Konsequenz lautet, Erinnerung als Unterbrechungskategorie
didaktisch fruchtbar zu machen.
Das bezieht sich beim Aktions- und Projekttag an der MBR zunächst ganz
bewusst auf eine Unterbrechung des allgemeinen Schul- und
Unterrichtsgeschehens. Das Kontinuum der Unterrichtsabläufe wird aufgehoben.
Stattdessen führen wir Projekttage zur aktiven Erinnerung durch, die
für SchülerInnen und LehrerInnen einen organisatorischen und
thematischen Schnitt darstellen.
Didaktische Suche nach geeigneten Methoden des
Erinnerns
Wie aber kann diese Unterbrechung thematisch und methodisch genutzt werden,
um Jugendliche der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration zu erreichen
und zum Erinnern anzuregen? - Welche Probleme und Möglichkeiten zeichnen
sich ab? -
Jugendliche haben keine direkte Erinnerungsmöglichkeit mehr [10]
und
daher auch keine unmittelbaren autobiographischen
Verortungsmöglichkeiten.
Wie Herbert Hötte konstatiert, verfügen Jugendliche zwar häufig
über Fakten- und Detailwissen aus der Geschichte des Nationalsozialismus.
Trotzdem bleibt ihnen diese Zeit als gelebte und von Menschen erlebte Zeit
fern und fremd. [11]
Didaktisch ergibt sich hieraus die Aufgabe, mit dieser
Ferne und Fremde umzugehen. Hötte fordert,
diese Fremdheit aufzubrechen. [12]
Das kann zum Teil durch die Befragung von Zeitzeugen gelingen. An
der MBR arbeiten wir z. Z. mit zwei Dortmunder Zeitzeugen zusammen [13],
die aus eigenen Erinnerungen berichten können. Im direkten Austausch
mit diesen Zeitzeugen, können SchülerInnen Fragen stellen, die
die Zeugen aus ihrer Erlebensperspektive beantworten. SchülerInnen
können sich so der Thematik annähern, wobei sich aber der Aspekt
des Fernen und Fremden nie vollständig
auflösen wird.
Außerdem ist zu beachten, dass die Aussagen der Befragten vom
dynamischen Charakter der Erinnerung geprägt sind. Denn
die erinnerte Vergangenheit wird durch die Gegenwart ständig
umgearbeitet. Jede Erinnerung ist eine Neuschaffung der Vergangenheit.
[14]
Innerhalb dieser Neuschaffung fließen stets neue Interpretationen
und auch Tendenzen zum Schönen und Verändern ein.
Das heißt, dass die Vermittlung durch Zeitzeugen stets von deren
subjektivem Erinnerungsblickwinkel abhängt. SchülerInnen sollten
daher noch weitere Zugangsformen nutzen. Erkundungen in lokalen und regionalen
Gedenkstätten und Archiven (z. B. Steinwache Dortmund; Stadtarchiv Dortmund)
bieten Möglichkeiten, nach Quellen und Spuren des Holocausts zu suchen
und fragmentarische Stücke von Lebensgeschehen zu rekonstruieren. [15]
Beziehen sich Erinnerungssuche im Archiv und auch die Befragungen der Zeitzeugen
insbesondere auf verbale Äußerungen, auf kognitive und emotionale
Zugänge, suchen wir darüber hinausgehende Erinnerungsmöglichkeiten am
Körper, im Sinne eines
kollektiven Erinnerns am Körper der Menschheit [16], bzw.
an der Masse der Opfer, die sich aus einzelnen biographischen Körpern
zusammensetzt.
Diese Spurensuche am Körper ist eine Erinnerungssuche, die anthropologisch
fundiert ist. Sie nutzt Ausdrucks- und Erkenntniskanäle der
<<aisthesis>>, sucht auf eigene Weise, Narben am Körper
der Menschheit aufzuspüren.
Dietmar Kamper erläutert diesen Erinnerungszugang:
Die Phantasie ist die Wunde,
das Gedächtnis die Narbe am Körper der Menschheit: Erinnerung
wäre dann die mit Phantasie betriebene Entschlüsselung einer
Narbenschrift.... [17]
Phantasie als Wunde bedeutet
Verletzung des Menschenkörpers, Verletzung von außen, bedeutet
Unfreiwilligkeit, Ausgesetztsein,.... . Danach gibt es Vernarbungen,
welche die eingeritzten und eingeschriebenen Verletzungen überwuchern
und eine Spur, im Überbleibsel jener Wunde, festhalten. Wenn diese
Narbenspur auch nicht jederzeit und unter allen Umständen lesbar ist,
so gibt es doch einen Zugang, nämlich, reaktualisierte, radikale Phantasie.
Die Stunde der Verletzung, der Zeitschock der Wunde muss sich wiederholen,
damit es gelingt, sei es mittels willkürlicher Re- Präsentation,
bewusster Ver- Gegenwärtigung ..., sei es in der willkürlichen,
unbewussten Szenerie, die als Fundus, der Träume, des Theaters und der
Kulturreligionen bekannt ist. [18]
Narben und Wunden am Körper sind
z. B. Erinnerungsspuren von Schindungen, Brandmarkungen und anderen Formen
der physisch-psychischen Folter und Vernichtung. Sie verweisen auf Schmerz-
und Zerstörungserfahrungen, die jedes Opfer des Holocaust erlitten hat.
Diese massiven Leiderfahrungen der einzelnen Personen innerhalb der Masse
der Vernichteten wollen wir mit unserer Projektarbeit vergegenwärtigen,
für SchülerInnen assoziativ erfahrbar machen. Das heißt,
dass wir neben dem kollektiven Körper der Opfer auch die Einzelbiographien und die
persönlichen Leiderfahrungen aufspüren wollen.
Als Verletzungs- und Angriffsfläche, als Ort des Schmerzzufügens
und -erfahrens und als Grenze des <<Ichs>> hat die Haut
eine zentrale Bedeutung. Daher skizziere ich wesentliche Aspekte zur Haut,
zu Häutungen, Schindungen und Brandmarkungen und charakterisiere in
Anlehnung an Elaine Scarry Aspekte des Schmerzes.
Haut-Häutungen, Schindungen und Brandmarkungen: Zerstörung
des Ichs an seiner Grenzfläche
Die Haut ist die Körperoberfläche, die sich
trotz ihrer medizinischen Durchdringung und der Offenlegung des Inneren
als zunehmend rigide Grenzfläche erweist. [19]
Denn die Haut ist
jener Ort, wo das <Ich> sich entscheidet. [21]
Aggressive,
zerstörerische Eingriffe auf die Haut, zielen damit auf eine
Zerstörung des Ichs ab. Das umschließt nach einem
Körper-Seele-Verhältnis, wie es beispielsweise der Philosoph
Michel Serres vertritt, die Zerstörung der körperlichen und seelischen
Dimension gleichermaßen. Denn Körper und Seele sind nicht
getrennt, sondern unentwirrbar miteinander vermengt, selbst auf der Haut.
[21]
Folter, Häutungen, Schindungen, Brandmarkungen haben daher neben
verschiedenen anderen Funktionen (politische Macht, ideologische
Festschreibungen, rituelle Strafen...) [22]
das Ziel, die Person in ihrem
Willen, ihrer Würde, ihrem seelischen und körperlichen Leben zu
brechen. Benthien spricht von zusätzlichen Degradierungen durch das
Aufbrechen des Leibes oder davon, dass Enthäutungen den Opfern mit
ihrem Leben auch ihre Identität nehmen. Sie löscht
mit der Haut die <Person> aus [23]
In deutschen Konzentrationslagern wurden Häftlinge gebrandmarkt - Zeichen
einer Outgroup-Stigmatisierung. [24]
Oettermann schließt
anhand von Dokumenten aus Konzentrationslagern, dass die Technik des Brandmarkens
niemals barbarischer ausgeübt wurde. Das Einbrennen von
Immatrikulationszahlen reduzierte die Gezeichneten zum Nichts.
Oettermann zitiert ehemalige Häftlinge:
-
Gleich bei der Ankunft im Lager
Immatrikulation durch Tätowierung auf dem linken Unterarm.
-
Man brannte mir eine Ziffer mit
einem glühenden Eisen ein.
-
Die Kinder und sogar die
Säuglinge wurden tätowiert. Bei der Ankunft im Lager fanden die
Russen einen zwei Wochen alten Säugling mit einer
Matrikelnummer.
-
Wir waren keine
Persönlichkeiten mehr, wir wurden eine Nummer. [25]
Die <<anachronistische Ideologie
von der Reinhaltung der Rassen>> verlangte 1934 zur Differenzierung
der <<Schutzhäftlinge in den Konzentrationslagern>> ein
Zeichensystem, mit dem Schwule, Juden, <<Politische>>,
<<Volksschädlinge>> gesondert stigmatisiert werden konnten.
[26]
Die Degradierung der Häftlinge zu Objekten ohne menschliche Würde
gipfelt in der Praxis, ausgewählte Opfer zu töten, sie zu
enthäuten, ihnen Tätowierungen aus der Haut herauszuschneiden und
zu Gegenständen wie Lampenschirmen oder Buchumschlägen zu verarbeiten.
27
Benthien sieht in dieser Praxis, die ureigenste Besitznahme des Menschen
und der symbolischen Absprache des Menschseins.
Bei dieser Umformung von Menschenhaut
in Trophäen und der gleichzeitigen mutwilligen Degradierung von
Körperteilen zu bloßen Gebrauchsgegenständen handelt es sich
um eine Praktik, die auf Freilegung von Dahinterliegendem zielt... und auch
nicht um Folter..., sondern um die symbolische Behauptung von Macht über
den ureigensten Besitz des Menschen - seine Haut. Indem die Haut der
getöteten Häftlinge zu Pergament und anschließend zu
Alltagsprodukten transformiert wird, wird den Toten symbolisch der Status
des Menschseins abgesprochen: Mit der Haut wird genauso verfahren wie sonst
nur mit der Haut von geschlachteten und abgelagerten Tieren. [28]
Diese Formen der Zerstörung des
<<Ichs>> an seinen Grenzflächen machen Körper für
die Opfer zu <<Schmerzkörpern>>.
Schmerz
Nach Scarry ist das Zufügen von Schmerz durch Folter ein politisches
Machtwerkzeug, das den realen absoluten Schmerz in die Fiktion von
Macht umwandelt. [29]
Für das Opfer ist Schmerz eine Erfahrung äußerster
Intimität. Scarry hält Schmerz ... zu den intimsten Erlebnissen,
deren wir fähig sind. [30]
Diese Intimität ist zugleich ein Gefängnis. Der Schmerz kerkert
das Individuum in seinen Körper ein. Schmerz ist ebenso wenig teilbar,
wie er mitteilbar ist. Er zertrümmert die Sprache und damit die Grundlage
des sozialen Ausdrucks. [31]
Der körperliche Schmerz ist
nicht nur resistent gegen Sprache, er zerstört sie; er versetzt uns
in einen Zustand zurück, in dem Laute und Schreie vorherrschen, deren
wir uns bedienten bevor wir sprechen konnten. [32]
Das heißt, dass der Schmerz nur von der Person selbst erfahren wird
und ihr die Möglichkeiten raubt, sprachlich zu kommunizieren. Er setzt
die Person in ein vorsprachliches Entwicklungsstadium zurück, dass sie
ohne sprachliche Abwehrmöglichkeiten den äußeren Eingriffen
aussetzt. In dieser Zerstörung der Sprache und damit der autonomen
Persönlichkeit setzen Foltermethoden an. Hierzu gehören
bestimmte Akte, jemandem Schmerzen zu bereiten, aber sie (Folter) ist
zugleich Demonstration und Verschärfung des Schmerzempfindens. Allein
schon durch die Verfahren, derer sie sich bedient, um Schmerzen im Körper
der Gefangenen zu erzeugen, macht sie die Struktur und die Abscheulichkeit
dessen sichtbar, was im strengen Sinne privat, in die Grenzen des gepeinigten
Leibes eingeschlossen und nicht mitteilbar ist. Doch sie lässt es dabei
nicht bewenden und bestreitet die Realität eben dieser Sache, die sie
selbst objektiviert hat, und zwar durch Verschiebung der Wahrnehmung, die
den Anblick die Leidens in eine gänzlich überzeugende Schaustellung
der Macht verwandelt. [33]
Scarry erläutert den Prozess:
Erstens wird dem Menschen in
stetiger Steigerung Schmerz zugefügt. Zweitens wird der Schmerz, der
auf diese Weise stetig zunimmt, auch in dem Sinne gesteigert, dass man ihn
objektiviert und so für jene sichtbar macht, die außerhalb des
Gepeinigten stehen. Drittens wird der objektivierte Schmerz als solcher geleugnet
und statt dessen als Macht gedeutet - eine Verschiebung, die durch die obsessive
Vermittlung von Agentenschaft möglich wird. [34]
Unser Projekt
Schmerzkörper kann diese von Scarry differenziert dargelegten
Strukturen der Folter nicht auf allen Ebenen erfassen und rekonstruieren.
Wir setzen bei den Opfern und ihrer zerstörten Sprechfähigkeit
an. Da sie ihrer Sprechmöglichkeiten durch den Schmerz beraubt werden,
muss die Sprache für den Schmerz von anderen geschaffen werden,
die nicht selbst dem Schmerz verfallen sind, sondern für jene sprechen,
die leiden. [35]
Wir wollen dem Schmerz eine Stimme geben. Sie
soll die Geschichte der Opfer und ihrer Leiderfahrung erzählen. [36]
Diese Geschichte bezieht sich einerseits auf das kollektive Schicksal der
Opfermasse. Die Schmerz- und Leiderfahrungen sind aber stets an den einzelnen
Menschen gebunden. So versuchen wir gleichzeitig, persönliche
Lebenssituationen fingierend zu rekonstruieren und in einzelne Geschichten
zu fassen, die jeweils in einer verlassenen, zerstörten Haut- oder
Körperhülle enden und Spuren der Gewalteinwirkung, des Schmerzes
und der Zerstörung zeigen.
Gestalterische Erinnerungs(ver)suche:
Impulse: <<Seated Figures>>,
<<Crowds>> und <<Backs>> [37] in Korrespondenz mit
Heinrich Heines Gedicht Leib und Seele

Abb.2
Als Einstieg in die ästhetisch-gestalterische Erinnerungssuche
benötigen wir Impulse, die assoziative Vorstellungen und empathisches
Empfinden evozieren.
Wir finden diese anregenden Potentiale in vielen Torsi -Werkgruppen der
Künstlerin Magdalena Abakanovicz. Beispielsweise eignen sich ihre Varianten
der <<Seated Figures>> (1974-1979) [38], der
<<Backs>> (1976-1982 u. 1992/93) [39]
und der
<<Crowds>> [40]
(Crowd I - IV: 1986-1990), um bei Schülern
Vorstellungen von Massenvernichtungen in KZs hervorzurufen und sie zu einer
eigenen gestalterischen Bearbeitung der Thematik zu motivieren. [41]
In seiner
Reflektion zu den Percepten zu <<Crowd IV>> zitiert Peter Heber
Schüleräußerungen, die diese gedankliche Nähe zum Holocaust
belegen. SchülerInnen schreiben z. B.:
KZ, Menschen stehen vor etwas,
vor dem sie machtlos sind; Mitleid mit ihnen, Angst, selbst einer von ihnen
zu sein; ...."
Dunkle Figuren, von denen eine traurige Stimmung ausgeht; gleichzeitig
scheinen sie selbst bedroht zu werden. Aus diesem
<<Bedrohtsein>> erscheinen die Figuren als wehrlos, Assoziationen
an KZ, hilflose Menschenmasse im Krieg; Angst, dass so etwas wieder passieren
kann.
Judenverfolgung; die Skulpturengruppe zeigt, wie die Menschen zugrunde
gerichtet werden; eine Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf...
. [42]
Diese Wirkungen gehen nicht nur von
der Gruppe <<Crowd IV>> aus, sondern sind auch in den anderen
oben genannten Gruppen, die sich jeweils als Massen von etwa 50 bis 80 Figuren
formieren, angelegt. [43
Alle Gruppen bestehen aus Torsi, das heißt
aus Fragmenten wirklicher Körper. [44]
Die Torsi sind kopflos. Dies
verweist auf das verlorene, geraubte oder ausgelöschte Leben. Die
Vorstellung <<geköpft>> klingt an. Diese Kopflosigkeit zeigt
nach Grzechca - Mohr auch, dass nicht nur das Einzelschicksal, sondern auch
ein kollektives Verhalten thematisiert wird. [45]
Bei den <<Seated Figures>> handelt es sich um Torsi ohne Arme,
die auf Sitzen aus Metallstäben hocken. Die
<<Backs>> sind sitzende Rücken, die in weit nach vorn gebeugter
Haltung als Gruppe auf dem Boden hocken. <<Crowd I -IV>> umfasst
geschlechtslose, lebensgroße stehende Torsi mit Schultern, Armen,
Händen und Füßen. Sie sind bis auf eine halbe Hüllenschale
ausgehöhlt. Sie wirken anonym und ihrer inneren wie äußeren
Persönlichkeit/Seele beraubt.
Da dieser Aspekt für unsere Thematik elementar ist, haben wir ihn durch
die Korrespondenz mit dem Heine - Gedicht Leib und Seele
vertieft. Es bezieht sich auf das Verhältnis von Körper und Seele.
Was mit dem Körper geschieht, wirkt sich auf die Seele aus. Was
die Seele bewegt, wird in der Körperhaltung sichtbar. [46]
Im
Heine-Gedicht weist das Verhältnis von Leib und Seele im Tode und auf
den Wunsch der Seele, dass der Leib sie nicht verlassen soll. Bezieht man
dieses Verhältnis in die Betrachtung der entkernten Torsi mit ein, dann
wirken sie hilflos und entseelt. Eine Zerstörung und Ausrottung von
Identitäten, Seelen und Körpern hat stattgefunden. Die Nähe
zur Vernichtung von Juden in KZs ist auch für unsere SchülerInnen
emotional spürbar. Ihre spontanen Äußerungen, die in Farbcollagen
aufgefangen werden, drücken ähnliche Gefühle und Gedanken
aus, wie sie oben zitiert wurden. Auch sie spüren Elend und Bedrohung
der Figuren. Das Phänomen der Masse (=> Massenvernichtung), das in
ambivalenter Form insbesondere in den <<crowds>> enthalten ist,
wird ebenfalls thematisiert. [47]
Das Verhältnis von Anonymität
der vorgestellten Masse der <<crowds>> und einer angedeuteten
Individualität andererseits wird analysiert. Wie Barbara Rose schreibt:
The figures in each cohort are similar, but not identical. [48]
Ursula Grzechca - Mohr sieht dieses Verhältnis bereits in der Arbeitsweise
Magdalena Abakanoviczs veranlagt. Am Beispiel der <<Seated
Figures>> erläutert sie:
Auf nach einem Körperabdruck
aus Gips vorgefertigten Formen werden Stücke aus Sackleinwand und
Fäden aufgelegt, die mit Leim gebunden werden. Die Künstlerin erweitert
die Figuren auf die der Form angemessenen Menge, wobei die Gestaltung des
einzelnen Körpers variiert wird, indem er vor dem Austrocknen in seine
nur ihm eigene Haltung gebracht wird. Der so erstellte Körperabdruck
wird anschließend teilweise durch Aufkleben von Sackleinwandstücken
ergänzt und an markanten Stellen, wie etwa dem Rückgrat, am Halsansatz
oder in der Partie der Füße, betont. (S. 11)
Das Verhältnis von Masse und
individuellen Ausdifferenzierungen ist auch für unsere Gestaltung der
<<Schmerzkörper>> wichtig. Die SchülerInnen müssen
entscheiden, in welcher Form Masse und Individuum dargestellt werden sollen.
In den Diskussionen setzen sich die SchülerInnen durch, die die
Individualität und den ganz persönlich erlebten Leidensweg
herausstellen möchten. Sie setzen beim Einzelschicksal an, bei der
Biographie, die hinter jedem Opfer steht. Hierzu gehört für eine
Schülergruppe auch der Wunsch, sich an ehemals körperlich und seelisch
gesunde, lebenslustige Menschen zu erinnern.
Alle Opfer haben doch einen Namen und eine Geschichte.
Bevor sie zu Opfern wurden, haben auch sie unbeschwerte und fröhliche
Zeiten gehabt. Sie waren jung und ihr Leben war bunt. (Ivana
K.)
Solche Erinnerungsspuren sind an entseelten Körperresten kaum noch zu
erkennen. Daher möchte diese Schülergruppe eine Kontrastfigur zu
den <<Schmerzkörpern>> herstellen. Sie soll im Gegensatz
zu den anderen nicht namentlich zu identifizierenden Figuren einen Namen
haben: <<Uschi>>.
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Abb.3
|
Andere Schülergruppen entwickeln die Idee, die Spuren von
Individualität durch Gipsmasken einzubeziehen, die den Abdruck eines
einstmals lebendigen Gesichts zeigen. (z. B. Abb. 1, 4) Diese Masken sollen
auch Totenmasken sein - Sinnbilder menschlicher Identität
[49]
Differenzierungswünsche ergeben sich auch im Hinblick auf die
Größe der Figuren. Zwei Schülerinnen und ein Schüler
wollen kleinere Figuren gestalten. Ihre Größe soll auf zwei Aspekte
aufmerksam machen. Erstens auf die Vernichtung von Kindern und zweitens
auf die Haltung der Unterdrückten, die den Mut verloren haben, aufrecht
zu sein. (s. Text: HINRICHTUNG I.)
|

Abb.4
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Abb.5
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Gestaltung der Torsi:
Konstruktiver Aufbau
Dem konstruktiven Bau der Körper gehen Haltungsübungen voran,
in denen SchülerInnen Körperhaltungen erproben, die die Erfahrungen
von Leid und Schmerz ausdrücken. Finden sie eine geeignete Haltung,
legen sie sich in der entsprechenden Pose auf eine Papierfläche auf
den Boden, so dass andere MitschülerInnen den Körperumriss abzeichnen
können.
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Abb.6
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Diese Zeichnung wird für viele
Gruppen zum Modell für den Bau des
<<Schmerzkörpers>>.
Im Gegensatz zu Abakanovicz, die mit ganzen Körperabdrücken aus
Gips arbeitet, auf die sie Stücke aus Sackleinwand und Fäden auflegt,
die mit Leim gebunden werden [50], bilden wir die Torsi aus Drahtgeflechten
(<<Kaninchendraht>>), die mit kleineren und größeren
Rupfenstücken mit Leim und Kleister in mehreren Lagen beklebt
werden.
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Abb.7
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Es entstehen hohle
Haut-Skelett-Hüllen, die abschließend noch leicht gebogen werden
können, so dass die Haltung des Leidens, der Qual und der Demut noch
deutlicher wird.
Während der Genese der Körper arbeiten die SchülerInnen
zielstrebig. Sie sind stolz auf das Wachsen ihrer Figuren, die zu i
h r e n Geschöpfen werden. Der Aspekt der defizitären,
fragmentarischen Körper bestimmt in dieser Phase noch nicht die
Arbeitsatmosphäre. Er prägt dagegen die folgende Phase des destruktiven
Eingreifens in die Rupfenhäute. Denn hier wird der Ort angegriffen,
an dem sich das <Ich> beim Menschen entscheidet - ein Eingriff, der
betroffen macht.
Destruktive Eingriffe: Blockaden
- Trauer - Fragen - Reaktionen
Die grobe Struktur und Textur des Rupfens kann sich vor destruktiven Eingriffen
nicht schützen. So werden diese textilen Häute durchstochen,
eingerissen, partiell ausgefranst, zerstochen, geätzt, verbrannt, mit
Feuereisen bestempelt oder mit Aschenstaub bedruckt oder beschmiert. [51]
Aus den Körper werden somit <<Schmerzkörper>>.
Bei diesen Eingriffen stoßen SchülerInnen auf große innere
Widerstände und persönliche Grenzen. Einige können es kaum
ertragen, aggressiv und zerstörerisch auf die Körper einzuwirken
und sie zu schinden, zu häuten oder zu brandmarken. Einzelne
SchülerInnen verweigern sich.
Beim Brandmarken und Schinden verbrennt ein Torso vollständig. Als Spur
seines Leidens und Schmerzes bleibt nur ein Aschehaufen. Schülerinnen
dieser Gruppe sind sehr betroffen und trauern um ihre Figur.
Während der Brandmarkungen, die auf dem Schulhof durchgeführt werden,
kommen SchülerInnen aus anderen Klassen neugierig hinzu. Sie zeigen
ein spontanes Interesse. Einzelne denken zunächst an Osterfeuer. Die
Reaktionen kippen aber sehr schnell. Jüngere Schüler sprechen davon,
dass dies keine <<Spaßkokelei>> sei, sondern eine Hinrichtung.
Einige weichen zurück, sprechen von Krieg und Gewalt. Sie wollen lieber
weggehen. Viele möchten wissen, warum wir das tun.
Diese aggressiven Prozesse sind entscheidende Phasen, in denen die
SchülerInnen den Schock der Verletzung, der Wunde persönlich erleben.
Das Erfahren von inneren Widerständen, Blockaden, eigenen Grenzen oder
Grenzüberschreitungen, Trauer u.s.w. setzen den Prozess der erinnernden
Spurensuche an den Narben und Wunden der
<<Schmerzkörper>> in Gang. Die bedrückende Nähe
zum Holocaust wird spürbar. Intensive Gespräche werden ausgelöst
und auch Fragen nach Tätern und Opfern verbalisiert. Sie sind nicht
nur historisch motiviert, sondern beziehen das eigene aggressive Eingreifen
auf die Figuren mit ein. Hätten sich SchülerInnen den
Arbeitsaufträgen der Lehrerinnen widersetzen müssen? Wo sind die
Grenzen, Befehle auszuführen? Kann kollektiver Hass eigene Grenzen
außer Kraft setzen? Sind auch wir in Gefahr, Täter oder Opfer
zu werden? Die Perspektive aktueller Rechtsradikalität wird deutlich.
Das heißt, dass durch die Gestaltungs- und Zerstörungsarbeit an
den <<Schmerzkörpern>> Holocausterfahrungen reaktualisiert
werden.
Texte zu Schmerzkörpern: Vertiefung der Erinnerungsarbeit und
Erinnerungsimpulse für AusstellungbesucherInnen
Als weitere Intensivierung und Vertiefung der Erinnerungsarbeit erstellen
die SchülerInnen Texte zu ihren
<<Schmerzkörpern>>. Sie sprechen für die Sprachlosen,
die Geschundenen und Vernichteten:
Die Figur beschreibt das Leiden der Juden zu Hitlers Zeiten. Die
Brandstellen weisen darauf hin, dass dieser Körper mit Feuer gequält
wurde.
Man kann durch die Stöcke, die sich im Inneren der Figur befinden,
schließen, dass selbst die Seele unter den Qualen sehr gelitten hat.
Die Maske trägt dazu bei, dass die Gefühle besser zur Geltung kommen.
Die Person verbindet mit dieser Zeit schlechte Erinnerungen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Person in ihrem Leben sehr
viel gelitten hat."
Unsere Plastiken sollen darstellen, wie die Juden zur Zeit des
Nationalsozialismus seelisch und körperlich gequält wurden. Bei
unserer Plastik sind keine Organe mehr vorhanden. Sie wurden ihr entrissen.
Die Füße wurden abgeschnitten. Sie sind dort, wo sie abgeschnitten
wurden, völlig zerfetzt. Auch die rechte Schulter ist sehr zerfetzt,
da sie dort von einer Bombe getroffen wurde. Die Brandflecken an der
Fußwunde weisen darauf hin, dass die Person auch mit Feuer gequält
wurde.
<<Die gequälte Seele>>
Die Figur wurde körperlich wie auch seelisch misshandelt. Sie wurde
körperlich wie auch seelisch von Familie, Freunden und Bekannten
enttäuscht und im Stich gelassen. Von Außenstehenden wurde sie
gedemütigt. Von Soldaten wurde sie gequält, getreten und
verstümmelt. Sie leidet unter Hunger, Durst und Kälte.
Nach diesem Akt der grausamen Folter an Seele und Geist vertraute
sie keinem mehr.
Die Figur wirkt auf uns, als wenn ihr in ihrem wirklichen Leben viel
Schreckliches widerfahren wäre. Sie liegt mit dem Bauch auf dem Boden,
so, als wäre sie zusammengeschlagen worden.
Wir haben uns gedacht, dass wir die Hülle des Menschen
(Juden) zur Zeit Hitlers mit all ihrem Schmerz und Leiden zeigen.
Die verbrannten Stellen der Haut zeigen wie viel Schmerz sie erleiden mussten.
Am Arm ist die Haut bis auf den Grund verbrannt.
Neben dem Loch im Bauch zeigen sich Knochen. Das Loch im Bauch erklärt
die Leere der Menschen.
Die Maske im Innern zeigt den Schmerz, der zu fliehen versucht. -
Meinem Körper wurde die Identität entzogen.
HINRICHTUNG I
DER STRICK SYMBOLISIERT DIE hinrichtung AN SICH.
DAS gebrochene genick ZEIGT, DASS DIE PERSON IHRE hoffnung VERLOREN HAT.
DAS LEBEN DER PERSON WURDE zerstört.
DASS DIESE PERSON klein IST, KANN BEDEUTEN:
DASS DIE HINGERICHTETE PERSON EIN kind IST - SELBST KLEINE KINDER WERRDEN
NICHT VERSCHONT -,
DASS SIE DURCH DIE unterdrückung IHREN MUT, AUFRECHT ZU SEIN, VERLOREN
HAT.
HINRICHTUNG II
ES KANN SEIN, DASS DER der leblose Körper VON DER PERSON BEVORZUGT
WURDE, WEIL SIE DAS LEBEN NICHT MEHR ERTRUG: - selbstmord - EIN AUSWEG AUS
DER VERZWEIFLUNG.
DAS schwarze umfeld NAHM IMMER MEHR BESITZ EIN VON DER PERSON.
SIE WOLLTE IHR herz, IHRE seele VOR DEN AUSWIRKUNGEN DES SCHWARZEN UMFELDES
SCHÜTZEN. der einzige ausweg: der tod!
Schmerzkörper
Diese Figur soll ein Brandopfer darstellen.
Sie muss körperliche und seelische Qualen durchleiden.
Nach dem Brandunfall ist kein Lebensmut mehr vorhanden, Hilflosigkeit und
Einsamkeit haben sich eingestellt.
Die Narben haben ihn isoliert. Er hat Angst, nicht anerkannt zu werden und
ein Außenstehender zu sein.
Keine Akzeptanz seines Aussehens, Verstecken des Körpers unter
Bandagen.
Aus dem Leben scheiden...
An dieser Plastik kann man Kriegsverletzungen von Verbrennungen bis
Schusswunden sehen.
Wie man erkennen kann, wurde die Person durch verschiedene Waffen verletzt,
wie z. B. eine Granate, die ihn an der rechten Flanke schwer verletzt hat.
Am Oberkörper sind mehrere Schusswunden vorhanden. Dazu kommen Verbrennungen
und Verstümmelungen. Arme und Kopf sind abgetrennt worden. Es ist unschwer
zu erkennen, dass dieser Mensch viele qualvolle Ereignisse miterlebt hat.
Diese Qualen waren aber nicht nur körperlich. Ein großer Teil
der Qualen waren auch psychische Leiden. Krieg belastet nicht nur den
Körper sondern auch den Geist und die Seele.
Wenn man den Krieg überlebt, wird man ihn den Rest seines Lebens nicht
vergessen.
Auch die Texte der SchülerInnen dokumentieren die
reaktualisierte Phantasie der Wunde (Kamper). Aspekte der diversen
Verletzungen von außen, der Unfreiwilligkeit und des Ausgesetztseins
werden thematisiert und ihre Folgen für die Zerstörung der Körper
und der Auslöschung der Seele geschildert. Zum Beispiel dokumentieren
Löcher im Bauch die Leere der Menschen. Die
gebeugte Haltung einiger Figuren verweist als Folge von
Unterdrückung, auf den Verlust des Mutes, aufrecht
zu sein und drückt allgemeine Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung
aus. Selbstmord wird hier zum einzigen Ausweg aus der
Verzweifelung.
Trotz des Wunsches der SchülerInnen einzelne biographische Spuren zu
berücksichtigen, fällt die große Ähnlichkeit der Figuren
und auch mehrerer Texte auf. Das Verhältnis von Anonymität und
persönlicher Differenzierung, das in den <<crowds>> und
<<backs>> zu beobachten ist, wird auch in den Schülerarbeiten
sichtbar. Die Einzelwesen sind - wie auch Benthien es beschreibt - mit dem
Aufbrechen des Leibes - ausgelöscht. Durch den dargestellten und
beschriebenen Identitätsentzug werden sie somit zur
Opfermasse.
Es fällt auf, dass die SchülerInnen in ihren erinnernden Texten
den Bezugsrahmen über den Holocaust hinaus erweitern und auch eigene
Erfahrungen und Erlebnisse einbeziehen.
Mehrere Schülerinnen sprechen vom Krieg, von den
Gewalteinwirkungen durch Bomben und Granaten, die Körper
und Seele vernichten und Spuren hinterlassen, die auch von Überlebenden
niemals vergessen werden können. Transformationen zu medialen Bildern
von Kriegen der Gegenwart werden mündlich formuliert. Diese Anbindung
an die täglichen Fernsehbilder zeigt sich auch an dem Text einer
Schülergruppe, die sich auf Unfallopfer (Brandopfer) bezieht.
Es werden auch psychische Erfahrungen benannt, die aus dem Erlebnishorizont
der SchülerInnen stammen. Wenn von Enttäuschungen und
Ängsten gesprochen wird, in Stich gelassen, nicht
anerkannt zu werden oder Außensteher zu sein, dann
sucht erinnernde Empathie den Bezug zu den eigenen Empfindungen und
Ängsten.
Erinnernde Spurensuche während der Ausstellung und Fortschreiten
auf den gefundenen Erinnerungspfaden
Eine Ausstellung der Schülerarbeiten im Foyer der Schule möchte
auch andere SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zur erinnernden Spurensuche
anregen.
Impulse geben die Figuren und die Schülertexte. Darüber hinaus
gibt es Führungen und Gesprächsrunden, in denen unsere
SchülerInnen Erläuterungen geben oder Gespräche zur Thematik
moderieren.
Beobachtungen der Rezipienten zeigen, dass die
<<Schmerzkörper>> mit ihren Wunden, Narben, ihrer
Gesíchtslosigkeit und Verstümmelung BesucherInnen in ihren Bann
ziehen und Betroffenheit und Trauer auslösen. Besonders jüngere
Schülergruppen benötigen zur Verarbeitung dieser Anblicke weitere
Erklärungen innerhalb des Geschichts- oder Religionsunterrichts. Insgesamt
belegen unterrichtliche Vertiefungen und intensive Gespräche vor den
<<Schmerzkörpern>>, dass ein größerer Teil der
Schulgemeinde mit auf Erinnerungssuche geht und unsere Pfade weiter mit verfolgen
will.
Neben dieser Resonanz erleben wir aber auch Erinnerungsverklärungen
oder -verweigerungen, die uns sehr erschrecken. Uschi, die gesunde,
lebendige Mädchengestalt, die den Gegenpol zu den
<<Schmerzkörpern>> zeigt, wird durch einen anonymen, aggressiven
Anschlag auch zum <<Schmerzkörper>>. Sie wird hingerichtet
und damit zum Opfer mutwilliger Ausrottungs- und
Vernichtungsphantasien (vgl. Schmitt).

Abb.13
Offensichtlich kann jemand, den wir leider nicht identifizieren können,
den Anblick eines gesunden Körpers nicht ertragen.
Diese Tat zeigt uns um so deutlicher, wie aktuell die Thematik ist. Unsere
SchülerInnen geben nicht auf. Sie gestalten eine neue
<<Uschi>> und sind durch diesen Anschlag, um so motivierter,
Erinnerungsarbeit anhand der Wunden der
<<Schmerzkörper>> fortzuführen.
Nachwirkungen:
Im Oktober 2001 gab es eine Gelegenheit, Erinnerungspfade weiter zu verfolgen
und eine größere Öffentlichkeit mit auf diesen Weg zu nehmen.
Die <<Schmerzkörper>> wurden in der Dortmunder Buchhandlung
Niehörster ausgestellt. Den Anlass hierzu boten Lesungen
zum Thema Holocaust.
Verfasserin: Dr. Beate Schmuck, RLin an der MBR
[1] Heinz
Schmitt: Erinnern und Gedenken, in: Kunst + Unterricht, H. 227/1998, S. 3
[2] Eine Übersicht über alle Projekte befindet
sich auf der Homepage der MBR
http://ods.dokom.net/mbr/netdays/01/buecherverbr/plan.htm
[3] Am 10. Mai 1933 drangen SA - Männer, NS-Studenten
und Polizisten in öffentliche und private Bibliotheken in Deutschland
ein, schleppten die von Hitler verteufelten Bücher auf die Straße
und warfen sie auf Scheiterhaufen: 25.000 Bücher wurden in Berlin und
anderen Hochschulstädten verbrannt.
[4] Dietmar Kamper: Phantasie und Gedächtnis - Das
Drama der Erinnerung, in: Zacharias, Wolfgang (Hg.): Zeitphänomen
Musealisierung - Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der
Erinnerung, Essen, 1990, S. 212
[5] Vgl.: Gunter Otto: Magdalena Abakanovicz, in: Kunst
+ Unterricht, H. 200 / 1996, S. 22ff.;
Gallwitz, Klaus, Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena
Abakanovicz - Skulpturen 1967-1989, Frankfurt a. M., 1989; Rose, Barbara:
Magdalena Abakanovicz, New York, 1994.
[6] Dietmar Kamper: Phantasie und Gedächtnis - Das
Drama der Erinnerung, in: Zacharias, Wolfgang (Hg.): Zeitphänomen
Musealisierung - Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der
Erinnerung, Essen, 1990, S. 213.
[7] Schmitt, S. 3.
[8] Id., S. 4.
[9] Ib..
[10] Das gilt auch für uns als LehrerInnen, die in
den 50er, 60er oder 70er Jahren geboren wurden.
[11] Vgl. Herbert Hötte: Beobachtungen zum Umgang
mit der unangenehmen Geschichte am Beispiel einer KZ-Gedenkstätte, in:
Hans-Hermann Grope, Frank Jürgensen (Hg.): Gegenstände der Fremdheit.
Museale Grenzgänge, Marburg, 1989, S. 114.
[12] Id., S. 115.
[13] Diese Möglichkeit, Zeitzeugen zu befragen wird
es in einigen Jahren nicht mehr geben.
[14] Schmitt, S. 6; Schmitt stützt sich in dieser
Aussage auf die Forschungsergebnisse John Kotres (1996), der die Hypothese
verdichten konnte, dass das Gedächtnis (Erinnerungen/Realität)
eher interpretiert als faktengetreu wiedergibt. Im Hinblick auf die
Verfestigung der Konturen des Eigenbildes des jeweiligen Menschen besteht
- zunehmend mit dem Alter - die Tendenz zum Schönen, Glätten, zur
Vorteilnahme, zur Vermeidung unangenehmer Fakten oder zur Eliminierung von
Widersprüchen. (S. 6)
[15] Vgl. Jörg Grütgen: Fotos, Gegenstände,
Orte - Verlorenes festhalten. In: Kunst + Unterricht, 1999, S. 15.
[16] Kamper, S. 212.
[17] Kamper, S. 212.
[18] Kamper, S. 213.
[19] Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte - Körperbilder -
Grenzdiskurse, Reinbek, 1995, S. 7.
[20] Vgl. Anzieu, Didier, Das Haut - Ich, 3. Aufl., Frankfurt a. M., 1992.
[21] Serres, Michel: Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und
Gemische, 2. Aufl., Frankfurt a. M., 1994, S. 24.
[22] Vgl. Benthien, Kap. 4.
[23] Benthien, S. 85.
[24] Oettermann, Stephan: Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der
Tätowierung in Europa, 4.Aufl., Hamburg, 1995, S. 109.
[22] Id., S. 109f..
[23] Id., S. 111.
[24] Id., S. 112f..
[25] Benthien, S. 93.
[26] Scarry, S. 43ff..
[27] Id., Umschlagtext.
[28] Id., Umschlagtext.
[29] Id., S. 13.
[30] Id., S. 43, Einschub: Schmuck.
[31] Id., S. 44.
[32] Id., S. 15.
[33] Vgl., S. 11.
[34] Vgl.: Gunter Otto: Magdalena Abakanovicz, in: Kunst + Unterricht, H.
200 / 1996, S. 22ff.;
Gallwitz, Klaus, Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena
Abakanovicz - Skulpturen 1967 - 1989, Frankfurt a. M., 1989; Rose, Barbara:
Magdalena Abakanovicz, New York, 1994.
[35] Rose, S. 49.
[36] Id., S. 55ff; 76.
[37] Id., S. 128ff..
[38] Vgl. Peter Heber in: Kunst + Unterricht, H. 200 / 1996, S. 39.
[39] Id., S.39.
[40] Der Perceptions- und Interpretationsrahmen der Skulpturengruppen geht
weit über diese Assoziationen hinaus. Er bezieht sich auf das Phänomen
der Masse. Es geht sowohl um den Verlust der Individualität in
der und durch die Masse als auch um den Kampf des Subjekts um
Überleben. (Gunter Otto: Individuell und anonym - Zu den Plastiken
von Magdalena Abakanovicz, in: Kunst + Unterricht, H. 200 , 1996 S. 21) Magdalena
Abakanovicz äußert sich am Beispiel der
<<Backs>> selbst zum allgemeinen Assoziationsrahmen ihrer Werke.
Sie schreibt: ... metaphorische Darstellungen der menschlichen
Lebensbedingungen im Allgemeinen, über all diese Sehnsüchte und
Ängste, welche die menschliche Existenz - wie auch meine eigene - von
Anfang an begleitet haben. Gleichzeitig handeln sie auch von meiner Erfahrung
mit der Masse Mensch - diesem furchterregenden kopflosen Organismus, der
auf Kommando anbetet und haßt und dessen Reaktionen unvorhersehbar
und gefährlich sind. (zit. nach: Helga Behn: Menschenbilder -
Bildermenschen, in: Vernissage, Nr. 5 , 1995 , S. 45.
[41] Ursula Grzechca - Mohr: Menschliche Prägung wird rohes Material
- Zu den plastischen Arbeiten von Magdalena Abakanovicz, in: Gallwitz, Klaus,
Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena Abakanovicz
, S. 12; 13.
[42] Id., S. 13.
[43] Sabine Kern (Homepage der MBR)
[44] Je nach räumlichem Kontext und Betrachterperspektive scheinen die
<<crowds>> entweder massiven äußeren und inneren
Bedrohungen ausgesetzt zu sein oder als Armee formiert wirken sie selbst
aggressiv und gefährlich. Im Hinblick auf die Gestaltung der
<<Schmerzkörper>> konzentrieren wir uns auf die, der Bedrohung
ausgesetzte Perspektive.
[45] Rose, S. 135.
[46] Vgl. Ebeling, Ingelore, Masken und Maskierung, Köln, 1984, S. 58.
[47] Abakanovicz hat auch Werkgruppen aus Bronze hergestellt, wie z.B.
<<Bronze Crowd>> (1990 -1991); vgl. Rose, S. 134f..
[48] Vgl. Richtlinien und Lehrpläne für die Realschule in NRW -
Textilgestaltung, Düsseldorf, 1993, S. 96.
[49] Sabine Kern (Homepage der MBR)
[51] Sabine Kern (Homepage der MBR)
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