Gedenken zum Tag der Bücherverbrennung 10. Mai 1933    

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     „Schmerzkörper“: Holocaust - Erinnerungs(ver)suche 

- Ein Projekt des Textilschwerpunktes 9 -

Abb.1

„Wir müssen lernen, dass die Gefahr eines Holocaust nie gebannt ist, weil die Wurzeln dazu  im Menschen selbst liegen. Das aktuelle Aufflammen von Ausrottungs- und  Vernichtungsphantasien beweist das.“

(Heinz Schmitt) (1)

Schmitts Worte betreffen unser Schulleben an der Max-Born-Realschule unmittelbar. Denn wir sehen uns immer wieder mit SchülerInnen konfrontiert, die unterschwellig oder ganz offensichtlich mit Neonazis sympathisieren. Hakenkreuze oder rassistische Parolen, mit denen immer wieder Wände des renovierten Schulgebäudes beschmiert werden, alarmieren uns. Sie fordern zum pädagogischen Handeln auf.
 
Als Schule, die seit 1996 den Titel <<Schule ohne Rassismus>> tragen darf, ist diese aktive Auseinandersetzung mit Gefahren neonazistischer Tendenzen Kernpunkt unseres Schulprogramms. Wir setzen bei einer intensiven Erinnerungs- und Gedenkarbeit an und gestalten Projekttage zu besonderen Gedenktagen. Der 10. Mai 1933 ist als Tag der Bücherverbrennung ein Datum, das uns zum „Erinnern für Gegenwart und Zukunft“ [2]  [3] auffordert und zu schulischen Projekten veranlasst.
Sabine Kern (Lehramtsanwärterin an der MBR) und ich greifen gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Textilschwerpunktes 9 Heinrich Heines vorausweisende Worte auf: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Durch eine ästhetisch-gestalterische Erinnerungssuche, die sich in der Konstruktion und Destruktion von Figuren (<<Schmerzkörpern>>) objektiviert, nähern wir uns assoziativ, empathisch und reflexiv den psychischen und physischen Menschenvernichtungen während der NS - Zeit.
In diesem Aufsatz werde ich wesentliche didaktische Aspekte unserer Erinnerungs(ver)suche darstellen.
Ich werde zunächst auf didaktische Fragen des „Erinnerns“ eingehen, methodische Zugänge reflektieren und den gewählten Weg näher darstellen. Es ist ein anthropologisch fundierter Ansatz, der die Körper- und Leibdimension erfasst und Erinnerungsspuren „am Körper der Menschheit“ (am <<Schmerzkörper>>) verfolgt. „Erinnerung“ ist dabei im Sinne Dietmar Kampers „die mit Phantasie betriebene Entschlüsselung einer Narbenschrift“ [4], die auf der Haut lesbar wird und auf Schmerz verweist. „Haut“ und „Schmerz“ (Scarry) sind damit Schlüsselbegriffe der Erinnerungssuche, die reflektiert werden müssen. Einige grundlegende Aspekte dieser begrifflich - inhaltlichen Befragung werde ich daher den Darstellungen der gestalterischen Erinnerungsarbeit voranstellen.
Die gestalterische Erinnerungssuche benötigt Suchpfade, auf denen SchülerInnen notwendige Assoziationen zur Thematik <<Schmerzkörper>> gewinnen können.
Solche Impulse finden wir in den Figurengruppen <<Seated Figures>>, <<Crowds>> und <<Backs>> [5] der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanovicz. Die Konfrontation mit diesen Torsi-Gruppen stimmt SchülerInnen auf Opfermassen und Holocaust ein. Durch Korrespondenzen der Werke mit dem Heine-Gedicht „Leib und Seele“ vertiefen sie darüber hinaus Fragen nach dem Verhältnis von Körper und Seele im Tode bzw. während Folter und Vernichtung.
Die Auseinandersetzung mit diesen Werkgruppen und den vertiefenden Fragen schaffen eine Basis für den Bau eigener Torsi und das zerstörende Eingreifen auf diese Figuren, die so zu <<Schmerzkörpern>> werden.
Die Darstellung der Gestaltungsarbeiten bezieht sich auf einen mehrperspektivischen Zugang, der konstruktive und destruktive Prozesse in einem konträren Spannungsverhältnis folgen lässt. SchülerInnen erleben beim Bauen der Figuren gestaltbringende Prozesse, die auf menschliche Genese und Wachstum verweisen. Konträr hierzu stehen die aggressiven Eingriffe auf die entstandenen Körper, die brutale Vernichtung und Auslöschung von Leben bedeuten. Innerhalb dieser Prozesse erfahren SchülerInnen Täter- und Opferperspektive gleichermaßen. Sie sind einerseits Aggressoren und versetzen sich andererseits empathisch in das Leid ihrer <<Schmerzkörper>>. In diesen Phasen wird die „Phantasie des Erinnerns“ [6] radikal reaktiviert. Im „Zeitschock“ des Verwundens und der Wunde (Kamper) können SchülerInnen erleben, was „Vernichten“ und „Vernichtet werden“ bedeutet. Reaktionen der SchülerInnen während dieser Phase spiegeln Vorgänge des Erinnerns. Innere Widerstände, Verweigerung, Schrecken, Angst, Sprachlosigkeit, Trauer, um das Zerstörte usw. treten auf, müssen aufgegriffen und intensiv reflektiert werden. Das geschieht in Gesprächen und darüber hinaus in Texten, die SchülerInnen zu ihren Figuren verfassen.
Da das Projekt nicht nur die Erinnerungssuche der SchülerInnen des Kurses anregen will, sondern auf die breitere Auseinandersetzung innerhalb der Schule/Schulgemeinde angelegt ist, gehe ich auch auf die Reaktionen ein, die während der Ausstellung der <<Schmerzkörper>> im Foyer der Schule beobachtbar sind.
  
Reflexionen zur Erinnerungsarbeit:
Von der Notwenigkeit, sich an den Holocaust zu erinnern
 

Die Grundintention unseres Projekts ist es, an die Opfer des Holocausts zu erinnern. Diese Erinnerungs- oder Gedenkarbeit ist notwendig, um einem Vergessen und Verdrängen der Vergangenheit vorzubeugen. Gleichzeitig setzen wir uns neonazistischen Strömungen entgegen, denen auch unsere Schüler und Schülerinnen ausgesetzt sind und von denen einzelne stark beeinflusst werden.
Wir sehen die Gefahr, die Heinz Schmitt formuliert: „Wenn wir nicht aktiv mit unserer Erinnerung umgehen, werden unsere Erinnerungen mit uns umgehen.“ [7] Das eigene Verhalten muss infrage gestellt werden. „Erinnern und seine Manifestationsform, das Gedenken sind wesentliche Vorraussetzungen dafür.“ [8]
 
Eine Erinnerung an die Opfer des Holocausts verlangt einen Eingriff in die Zeit, ein Innehalten, einen Stopp. Schmitt spricht von einer „Unterbrechung durch Erinnerung“. Sie gibt erst „die Möglichkeit, Vergangenheit zur Geschichte zu gestalten, indem die Ahnung anderer Konfigurationen, anderer Modelle spürbar sind. Erst eine auf Erinnerung gegründete Solidarität mit den Toten macht die notwendige vorgreifende Solidarität mit zukünftigen Generationen möglich.“ [9] Die Konsequenz lautet, „Erinnerung als Unterbrechungskategorie“ didaktisch fruchtbar zu machen.
Das bezieht sich beim Aktions- und Projekttag an der MBR zunächst ganz bewusst auf eine „Unterbrechung“ des allgemeinen Schul- und Unterrichtsgeschehens. Das Kontinuum der Unterrichtsabläufe wird aufgehoben. Stattdessen führen wir Projekttage zur aktiven Erinnerung durch, die für SchülerInnen und LehrerInnen einen organisatorischen und thematischen Schnitt darstellen.
 
Didaktische Suche nach geeigneten Methoden des „Erinnerns“
 
Wie aber kann diese Unterbrechung thematisch und methodisch genutzt werden, um Jugendliche der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration zu erreichen und zum Erinnern anzuregen? - Welche Probleme und Möglichkeiten zeichnen sich ab? -
Jugendliche haben keine direkte Erinnerungsmöglichkeit mehr [10] und daher auch keine unmittelbaren autobiographischen Verortungsmöglichkeiten.
Wie Herbert Hötte konstatiert, verfügen Jugendliche zwar häufig über Fakten- und Detailwissen aus der Geschichte des Nationalsozialismus. Trotzdem bleibt ihnen diese Zeit als gelebte und von Menschen erlebte Zeit fern und fremd. [11] Didaktisch ergibt sich hieraus die Aufgabe, mit dieser „Ferne“ und „Fremde“ umzugehen. Hötte fordert, „diese Fremdheit aufzubrechen.“ [12]
Das kann zum Teil durch die Befragung von Zeitzeugen gelingen. An der MBR arbeiten wir z. Z. mit zwei Dortmunder Zeitzeugen zusammen [13], die aus eigenen Erinnerungen berichten können. Im direkten Austausch mit diesen Zeitzeugen, können SchülerInnen Fragen stellen, die die Zeugen aus ihrer Erlebensperspektive beantworten. SchülerInnen können sich so der Thematik annähern, wobei sich aber der Aspekt des „Fernen“ und „Fremden“ nie vollständig auflösen wird.
Außerdem ist zu beachten, dass die Aussagen der Befragten vom „dynamischen Charakter der Erinnerung“ geprägt sind. Denn „die erinnerte Vergangenheit wird durch die Gegenwart ständig umgearbeitet. Jede Erinnerung ist eine Neuschaffung der Vergangenheit.“ [14] Innerhalb dieser Neuschaffung fließen stets neue Interpretationen und auch Tendenzen zum Schönen und Verändern ein.
Das heißt, dass die Vermittlung durch Zeitzeugen stets von deren subjektivem Erinnerungsblickwinkel abhängt. SchülerInnen sollten daher noch weitere Zugangsformen nutzen. Erkundungen in lokalen und regionalen Gedenkstätten und Archiven (z. B. Steinwache Dortmund; Stadtarchiv Dortmund) bieten Möglichkeiten, nach Quellen und Spuren des Holocausts zu suchen und fragmentarische Stücke von Lebensgeschehen zu rekonstruieren. [15]
Beziehen sich Erinnerungssuche im Archiv und auch die Befragungen der Zeitzeugen insbesondere auf verbale Äußerungen, auf kognitive und emotionale Zugänge, suchen wir darüber hinausgehende Erinnerungsmöglichkeiten am Körper, im Sinne eines kollektiven Erinnerns „am Körper der Menschheit“ [16], bzw. an der Masse der Opfer, die sich aus einzelnen biographischen Körpern zusammensetzt.
Diese Spurensuche am Körper ist eine Erinnerungssuche, die anthropologisch fundiert ist. Sie nutzt Ausdrucks- und Erkenntniskanäle der <<aisthesis>>, sucht auf eigene Weise, „Narben am Körper der Menschheit“ aufzuspüren.
Dietmar Kamper erläutert diesen Erinnerungszugang:
 
„Die Phantasie ist die Wunde, das Gedächtnis die Narbe am Körper der Menschheit: Erinnerung wäre dann die mit Phantasie betriebene Entschlüsselung einer Narbenschrift.“... [17]
„Phantasie als Wunde bedeutet Verletzung des Menschenkörpers, Verletzung von außen, bedeutet Unfreiwilligkeit, Ausgesetztsein,.... .“ Danach „gibt es Vernarbungen, welche die eingeritzten und eingeschriebenen Verletzungen überwuchern und eine Spur, im Überbleibsel jener Wunde, festhalten. Wenn diese Narbenspur auch nicht jederzeit und unter allen Umständen lesbar ist, so gibt es doch einen Zugang, nämlich, reaktualisierte, radikale Phantasie. Die Stunde der Verletzung, der Zeitschock der Wunde muss sich wiederholen, damit es gelingt, sei es mittels willkürlicher Re- Präsentation, bewusster Ver- Gegenwärtigung ..., sei es in der willkürlichen, unbewussten Szenerie, die als Fundus, der Träume, des Theaters und der Kulturreligionen bekannt ist.“ [18]

Narben und Wunden am Körper sind z. B. Erinnerungsspuren von Schindungen, Brandmarkungen und anderen Formen der physisch-psychischen Folter und Vernichtung. Sie verweisen auf Schmerz- und Zerstörungserfahrungen, die jedes Opfer des Holocaust erlitten hat. Diese massiven Leiderfahrungen der einzelnen Personen innerhalb der Masse der Vernichteten wollen wir mit unserer Projektarbeit vergegenwärtigen, für SchülerInnen assoziativ erfahrbar machen. Das heißt, dass wir neben dem kollektiven Körper der Opfer auch die Einzelbiographien und die persönlichen Leiderfahrungen aufspüren wollen.
Als Verletzungs- und Angriffsfläche, als Ort des Schmerzzufügens und -erfahrens und als Grenze des <<Ichs>> hat die Haut eine zentrale Bedeutung. Daher skizziere ich wesentliche Aspekte zur Haut, zu Häutungen, Schindungen und Brandmarkungen und charakterisiere in Anlehnung an Elaine Scarry Aspekte des Schmerzes.
 
Haut-Häutungen, Schindungen und Brandmarkungen: Zerstörung des „Ichs“ an seiner Grenzfläche
 
Die Haut ist die „Körperoberfläche“, die sich „trotz ihrer medizinischen Durchdringung und der Offenlegung des Inneren als zunehmend rigide Grenzfläche erweist.“ [19] Denn die Haut ist jener Ort, wo das <Ich> sich entscheidet. [21] Aggressive, zerstörerische Eingriffe auf die Haut, zielen damit auf eine Zerstörung des „Ichs“ ab. Das umschließt nach einem Körper-Seele-Verhältnis, wie es beispielsweise der Philosoph Michel Serres vertritt, die Zerstörung der körperlichen und seelischen Dimension gleichermaßen. Denn „Körper und Seele sind nicht getrennt, sondern unentwirrbar miteinander vermengt, selbst auf der Haut.“ [21]
Folter, Häutungen, Schindungen, Brandmarkungen haben daher neben verschiedenen anderen Funktionen (politische Macht, ideologische Festschreibungen, rituelle Strafen...) [22] das Ziel, die Person in ihrem Willen, ihrer Würde, ihrem seelischen und körperlichen Leben zu brechen. Benthien spricht von zusätzlichen Degradierungen durch das Aufbrechen des Leibes oder davon, dass Enthäutungen den Opfern „mit ihrem Leben auch ihre Identität“ nehmen. „Sie löscht mit der Haut die <Person> aus“ [23]
In deutschen Konzentrationslagern wurden Häftlinge gebrandmarkt - Zeichen einer „Outgroup-Stigmatisierung“. [24] Oettermann schließt anhand von Dokumenten aus Konzentrationslagern, dass die Technik des Brandmarkens niemals barbarischer ausgeübt wurde. Das Einbrennen von Immatrikulationszahlen reduzierte die Gezeichneten zum Nichts.
Oettermann zitiert ehemalige Häftlinge:

  • „Gleich bei der Ankunft im Lager Immatrikulation durch Tätowierung auf dem linken Unterarm.“
  • „Man brannte mir eine Ziffer mit einem glühenden Eisen ein.“
  • „Die Kinder und sogar die Säuglinge wurden tätowiert. Bei der Ankunft im Lager fanden die Russen einen zwei Wochen alten Säugling mit einer Matrikelnummer.“
  • „Wir waren keine Persönlichkeiten mehr, wir wurden eine Nummer.“ [25]

Die <<anachronistische Ideologie von der Reinhaltung der Rassen>> verlangte 1934 zur Differenzierung der <<Schutzhäftlinge in den Konzentrationslagern>> ein Zeichensystem, mit dem Schwule, Juden, <<Politische>>, <<Volksschädlinge>> gesondert stigmatisiert werden konnten. [26]
Die Degradierung der Häftlinge zu Objekten ohne menschliche Würde gipfelt in der Praxis, ausgewählte Opfer zu töten, sie zu enthäuten, ihnen Tätowierungen aus der Haut herauszuschneiden und zu Gegenständen wie Lampenschirmen oder Buchumschlägen zu verarbeiten. 27
Benthien sieht in dieser Praxis, die ureigenste Besitznahme des Menschen und der symbolischen Absprache des Menschseins.

„Bei dieser Umformung von Menschenhaut in Trophäen und der gleichzeitigen mutwilligen Degradierung von Körperteilen zu bloßen Gebrauchsgegenständen handelt es sich um eine Praktik, die auf Freilegung von Dahinterliegendem zielt... und auch nicht um Folter..., sondern um die symbolische Behauptung von Macht über den ureigensten Besitz des Menschen - seine Haut. Indem die Haut der getöteten Häftlinge zu Pergament und anschließend zu Alltagsprodukten transformiert wird, wird den Toten symbolisch der Status des Menschseins abgesprochen: Mit der Haut wird genauso verfahren wie sonst nur mit der Haut von geschlachteten und abgelagerten Tieren.“ [28]

Diese Formen der Zerstörung des <<Ichs>> an seinen Grenzflächen machen Körper für die Opfer zu <<Schmerzkörpern>>.
 
Schmerz
 
Nach Scarry ist das Zufügen von Schmerz durch Folter ein politisches Machtwerkzeug, das den realen absoluten Schmerz in die „Fiktion von Macht“ umwandelt. [29]
Für das Opfer ist Schmerz eine Erfahrung äußerster Intimität. Scarry hält „Schmerz ... zu den intimsten Erlebnissen, deren wir fähig sind.“ [30]
Diese Intimität ist zugleich ein Gefängnis. Der Schmerz „kerkert das Individuum in seinen Körper ein. Schmerz ist ebenso wenig teilbar, wie er mitteilbar ist. Er zertrümmert die Sprache und damit die Grundlage des sozialen Ausdrucks.“ [31] „Der körperliche Schmerz ist nicht nur resistent gegen Sprache, er zerstört sie; er versetzt uns in einen Zustand zurück, in dem Laute und Schreie vorherrschen, deren wir uns bedienten bevor wir sprechen konnten.“ [32]
Das heißt, dass der Schmerz nur von der Person selbst erfahren wird und ihr die Möglichkeiten raubt, sprachlich zu kommunizieren. Er setzt die Person in ein vorsprachliches Entwicklungsstadium zurück, dass sie ohne sprachliche Abwehrmöglichkeiten den äußeren Eingriffen aussetzt. In dieser Zerstörung der Sprache und damit der autonomen Persönlichkeit setzen Foltermethoden an. Hierzu gehören „bestimmte Akte, jemandem Schmerzen zu bereiten, aber sie (Folter) ist zugleich Demonstration und Verschärfung des Schmerzempfindens. Allein schon durch die Verfahren, derer sie sich bedient, um Schmerzen im Körper der Gefangenen zu erzeugen, macht sie die Struktur und die Abscheulichkeit dessen sichtbar, was im strengen Sinne privat, in die Grenzen des gepeinigten Leibes eingeschlossen und nicht mitteilbar ist. Doch sie lässt es dabei nicht bewenden und bestreitet die Realität eben dieser Sache, die sie selbst objektiviert hat, und zwar durch Verschiebung der Wahrnehmung, die den Anblick die Leidens in eine gänzlich überzeugende Schaustellung der Macht verwandelt.“ [33] Scarry erläutert den Prozess:
 

„Erstens wird dem Menschen in stetiger Steigerung Schmerz zugefügt. Zweitens wird der Schmerz, der auf diese Weise stetig zunimmt, auch in dem Sinne gesteigert, dass man ihn objektiviert und so für jene sichtbar macht, die außerhalb des Gepeinigten stehen. Drittens wird der objektivierte Schmerz als solcher geleugnet und statt dessen als Macht gedeutet - eine Verschiebung, die durch die obsessive Vermittlung von Agentenschaft möglich wird.“ [34]

Unser Projekt „Schmerzkörper“ kann diese von Scarry differenziert dargelegten Strukturen der Folter nicht auf allen Ebenen erfassen und rekonstruieren. Wir setzen bei den Opfern und ihrer zerstörten Sprechfähigkeit an. Da sie ihrer Sprechmöglichkeiten durch den Schmerz beraubt werden, muss die Sprache für den Schmerz „von anderen geschaffen werden, die nicht selbst dem Schmerz verfallen sind, sondern für jene sprechen, die leiden.“ [35] Wir wollen dem Schmerz eine Stimme geben. Sie soll die Geschichte der Opfer und ihrer Leiderfahrung erzählen. [36]
Diese Geschichte bezieht sich einerseits auf das kollektive Schicksal der Opfermasse. Die Schmerz- und Leiderfahrungen sind aber stets an den einzelnen Menschen gebunden. So ver­suchen wir gleichzeitig, persönliche Lebenssituationen fingierend zu rekonstruieren und in ein­zelne Geschichten zu fassen, die jeweils in einer verlassenen, zerstörten Haut- oder Körperhülle enden und Spuren der Gewalteinwirkung, des Schmerzes und der Zerstörung zeigen.
 
Gestalterische Erinnerungs(ver)suche:
Impulse: <<Seated Figures>>,  <<Crowds>> und <<Backs>> [37] in Korrespondenz mit Heinrich Heines Gedicht „Leib und Seele“

 

Abb.2

Als Einstieg in die ästhetisch-gestalterische Erinnerungssuche benötigen wir Impulse, die assoziative Vorstellungen und empathisches Empfinden evozieren.
Wir finden diese anregenden Potentiale in vielen Torsi -Werkgruppen der Künstlerin Magdalena Abakanovicz. Beispielsweise eignen sich ihre Varianten der <<Seated Figures>> (1974-1979) [38], der <<Backs>> (1976-1982 u. 1992/93) [39] und der <<Crowds>> [40] (Crowd I - IV: 1986-1990), um bei Schülern Vorstellungen von Massenvernichtungen in KZs hervorzurufen und sie zu einer eigenen gestalterischen Bearbeitung der Thematik zu motivieren. [41] In seiner Reflektion zu den Percepten zu <<Crowd IV>> zitiert Peter Heber Schüleräußerungen, die diese gedankliche Nähe zum Holocaust belegen. SchülerInnen schreiben z. B.:
 

„KZ, Menschen stehen vor etwas, vor dem sie machtlos sind; Mitleid mit ihnen, Angst, selbst einer von ihnen zu sein; ...."
„Dunkle Figuren, von denen eine traurige Stimmung ausgeht; gleichzeitig scheinen sie selbst bedroht zu werden. Aus diesem <<Bedrohtsein>> erscheinen die Figuren als wehrlos, Assoziationen an KZ, hilflose Menschenmasse im Krieg; Angst, dass so etwas wieder passieren kann.“ 
„Judenverfolgung; die Skulpturengruppe zeigt, wie die Menschen zugrunde gerichtet werden; eine Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf... .“ [42]

Diese Wirkungen gehen nicht nur von der Gruppe <<Crowd IV>> aus, sondern sind auch in den anderen oben genannten Gruppen, die sich jeweils als Massen von etwa 50 bis 80 Figuren formieren, angelegt. [43 Alle Gruppen bestehen aus Torsi, das heißt aus Fragmenten wirklicher Körper. [44] Die Torsi sind kopflos. Dies verweist auf das verlorene, geraubte oder ausgelöschte Leben. Die Vorstellung <<geköpft>> klingt an. Diese Kopflosigkeit zeigt nach Grzechca - Mohr auch, dass nicht nur das Einzelschicksal, sondern auch ein kollektives Verhalten thematisiert wird. [45]
Bei den <<Seated Figures>> handelt es sich um Torsi ohne Arme, die auf Sitzen aus Metall­stäben hocken. Die <<Backs>> sind sitzende Rücken, die in weit nach vorn gebeugter Haltung als Gruppe auf dem Boden hocken. <<Crowd I -IV>> umfasst geschlechtslose, lebensgroße stehende Torsi mit Schultern, Armen, Händen und Füßen. Sie sind bis auf eine halbe Hüllenschale ausgehöhlt. Sie wirken anonym und ihrer inneren wie äußeren Persönlichkeit/Seele beraubt.
Da dieser Aspekt für unsere Thematik elementar ist, haben wir ihn durch die Korrespondenz mit dem Heine - Gedicht „Leib und Seele“ vertieft. Es bezieht sich auf das Verhältnis von Körper und Seele. „Was mit dem Körper geschieht, wirkt sich auf die Seele aus. Was die Seele bewegt, wird in der Körperhaltung sichtbar.“ [46] Im Heine-Gedicht weist das Verhältnis von Leib und Seele im Tode und auf den Wunsch der Seele, dass der Leib sie nicht verlassen soll. Bezieht man dieses Verhältnis in die Betrachtung der entkernten Torsi mit ein, dann wirken sie hilflos und entseelt. Eine Zerstörung und Ausrottung von Identitäten, Seelen und Körpern hat stattgefunden. Die Nähe zur Vernichtung von Juden in KZs ist auch für unsere SchülerInnen emotional spürbar. Ihre spontanen Äußerungen, die in Farbcollagen aufgefangen werden, drücken ähnliche Gefühle und Gedanken aus, wie sie oben zitiert wurden. Auch sie spüren Elend und Bedrohung der Figuren. Das Phänomen der Masse (=> Massenvernichtung), das in ambivalenter Form insbesondere in den <<crowds>> enthalten ist, wird ebenfalls thematisiert. [47] Das Verhältnis von Anonymität der vorgestellten Masse der <<crowds>> und einer angedeuteten Individualität andererseits wird analysiert. Wie Barbara Rose schreibt: „The figures in each cohort are similar, but not identical.“ [48] Ursula Grzechca - Mohr sieht dieses Verhältnis bereits in der Arbeitsweise Magdalena Abakanoviczs veranlagt. Am Beispiel der <<Seated Figures>> erläutert sie:
 

„Auf nach einem Körperabdruck aus Gips vorgefertigten Formen werden Stücke aus Sackleinwand und Fäden aufgelegt, die mit Leim gebunden werden. Die Künstlerin erweitert die Figuren auf die der Form angemessenen Menge, wobei die Gestaltung des einzelnen Körpers variiert wird, indem er vor dem Austrocknen in seine nur ihm eigene Haltung gebracht wird. Der so erstellte Körperabdruck wird anschließend teilweise durch Aufkleben von Sackleinwandstücken ergänzt und an markanten Stellen, wie etwa dem Rückgrat, am Halsansatz oder in der Partie der Füße, betont.“ (S. 11)

Das Verhältnis von Masse und individuellen Ausdifferenzierungen ist auch für unsere Gestaltung der <<Schmerzkörper>> wichtig. Die SchülerInnen müssen entscheiden, in welcher Form Masse und Individuum dargestellt werden sollen. In den Diskussionen setzen sich die SchülerInnen durch, die die Individualität und den ganz persönlich erlebten Leidensweg herausstellen möchten. Sie setzen beim Einzelschicksal an, bei der Biographie, die hinter jedem Opfer steht. Hierzu gehört für eine Schülergruppe auch der Wunsch, sich an ehemals körperlich und seelisch gesunde, lebenslustige Menschen zu erinnern.
 
„Alle Opfer haben doch einen Namen und eine Geschichte.
Bevor sie zu Opfern wurden, haben auch sie unbeschwerte und fröhliche Zeiten gehabt. Sie waren jung und ihr Leben war bunt.“ (Ivana K.)
 

Solche Erinnerungsspuren sind an entseelten Körperresten kaum noch zu erkennen. Daher möchte diese Schülergruppe eine Kontrastfigur zu den <<Schmerzkörpern>> herstellen. Sie soll im Gegensatz zu den anderen nicht namentlich zu identifizierenden Figuren einen Namen haben: <<Uschi>>.
                           


Abb.3
 

Andere Schülergruppen entwickeln die Idee, die Spuren von Individualität durch Gipsmasken einzubeziehen, die den Abdruck eines einstmals lebendigen Gesichts zeigen. (z. B. Abb. 1, 4) Diese Masken sollen auch Totenmasken sein - „Sinnbilder menschlicher Identität“ [49]
Differenzierungswünsche ergeben sich auch im Hinblick auf die Größe der Figuren. Zwei Schülerinnen und ein Schüler wollen kleinere Figuren gestalten. Ihre Größe soll auf zwei Aspekte aufmerksam machen. Erstens auf die Vernichtung von Kindern   und zweitens auf die Haltung der Unterdrückten, die den Mut verloren haben, aufrecht zu sein. (s. Text: HINRICHTUNG I.)
 


Abb.4


Abb.
5

Gestaltung der Torsi: Konstruktiver Aufbau
 
Dem konstruktiven Bau der Körper gehen Haltungsübungen voran, in denen SchülerInnen Körperhaltungen erproben, die die Erfahrungen von Leid und Schmerz ausdrücken. Finden sie eine geeignete Haltung, legen sie sich in der entsprechenden Pose auf eine Papierfläche auf den Boden, so dass andere MitschülerInnen den Körperumriss abzeichnen können.
 


Abb.6

Diese Zeichnung wird für viele Gruppen zum Modell für den Bau des <<Schmerzkörpers>>.
Im Gegensatz zu Abakanovicz, die mit ganzen Körperabdrücken aus Gips arbeitet, auf die sie Stücke aus Sackleinwand und Fäden auflegt, die mit Leim gebunden werden [50], bilden wir die Torsi aus Drahtgeflechten (<<Kaninchendraht>>), die mit kleineren und größeren Rupfenstücken mit Leim und Kleister in mehreren Lagen beklebt werden.
 


Abb.7

Es entstehen hohle Haut-Skelett-Hüllen, die abschließend noch leicht gebogen werden können, so dass die Haltung des Leidens, der Qual und der Demut noch deutlicher wird.
 
Während der Genese der Körper arbeiten die SchülerInnen zielstrebig. Sie sind stolz auf das Wachsen ihrer Figuren, die zu  i h r e n  Geschöpfen werden. Der Aspekt der defizitären, fragmentarischen Körper bestimmt in dieser Phase noch nicht die Arbeitsatmosphäre. Er prägt dagegen die folgende Phase des destruktiven Eingreifens in die Rupfenhäute. Denn hier wird der Ort angegriffen, an dem sich das <Ich> beim Menschen entscheidet - ein Eingriff, der betroffen macht.
 


Abb.8


Abb.9


Abb.10

Destruktive Eingriffe: Blockaden - Trauer - Fragen - Reaktionen
 
Die grobe Struktur und Textur des Rupfens kann sich vor destruktiven Eingriffen nicht schützen. So werden diese textilen Häute durchstochen, eingerissen, partiell ausgefranst, zerstochen, geätzt, verbrannt, mit Feuereisen bestempelt oder mit Aschenstaub bedruckt oder beschmiert. [51] Aus den Körper werden somit <<Schmerzkörper>>.
Bei diesen Eingriffen stoßen SchülerInnen auf große innere Widerstände und persönliche Grenzen. Einige können es kaum ertragen, aggressiv und zerstörerisch auf die Körper einzuwirken und sie zu schinden, zu häuten oder zu brandmarken. Einzelne SchülerInnen verweigern sich.
Beim Brandmarken und Schinden verbrennt ein Torso vollständig. Als Spur seines Leidens und Schmerzes bleibt nur ein Aschehaufen. Schülerinnen dieser Gruppe sind sehr betroffen und trauern um ihre Figur.
Während der Brandmarkungen, die auf dem Schulhof durchgeführt werden, kommen SchülerInnen aus anderen Klassen neugierig hinzu. Sie zeigen ein spontanes Interesse. Einzelne denken zunächst an Osterfeuer. Die Reaktionen kippen aber sehr schnell. Jüngere Schüler sprechen davon, dass dies keine <<Spaßkokelei>> sei, sondern eine Hinrichtung. Einige weichen zurück, sprechen von Krieg und Gewalt. Sie wollen lieber weggehen. Viele möchten wissen, warum wir das tun.
 
Diese aggressiven Prozesse sind entscheidende Phasen, in denen die SchülerInnen den Schock der Verletzung, der Wunde persönlich erleben. Das Erfahren von inneren Widerständen, Blockaden, eigenen Grenzen oder Grenzüberschreitungen, Trauer u.s.w. setzen den Prozess der erinnernden Spurensuche an den Narben und Wunden der <<Schmerzkörper>> in Gang. Die bedrückende Nähe zum Holocaust wird spürbar. Intensive Gespräche werden ausgelöst und auch Fragen nach Tätern und Opfern verbalisiert. Sie sind nicht nur historisch motiviert, sondern beziehen das eigene aggressive Eingreifen auf die Figuren mit ein. Hätten sich SchülerInnen den Arbeitsaufträgen der Lehrerinnen widersetzen müssen? Wo sind die Grenzen, Befehle auszuführen? Kann kollektiver Hass eigene Grenzen außer Kraft setzen? Sind auch wir in Gefahr, Täter oder Opfer zu werden? Die Perspektive aktueller Rechtsradikalität wird deutlich. Das heißt, dass durch die Gestaltungs- und Zerstörungsarbeit an den <<Schmerzkörpern>> Holocausterfahrungen reaktualisiert werden.
 
Texte zu Schmerzkörpern: Vertiefung der Erinnerungsarbeit und Erinnerungsimpulse für AusstellungbesucherInnen
 
Als weitere Intensivierung und Vertiefung der Erinnerungsarbeit erstellen die SchülerInnen Texte zu ihren <<Schmerzkörpern>>. Sie sprechen für die Sprachlosen, die Geschundenen und Vernichteten:
 
„Die Figur beschreibt das Leiden der Juden zu Hitlers Zeiten. Die Brandstellen weisen darauf hin, dass dieser Körper mit Feuer gequält wurde.
Man kann durch die Stöcke, die sich im Inneren der Figur befinden, schließen, dass selbst die Seele unter den Qualen sehr gelitten hat. Die Maske trägt dazu bei, dass die Gefühle besser zur Geltung kommen. Die Person verbindet mit dieser Zeit schlechte Erinnerungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Person in ihrem Leben sehr viel gelitten hat."
 
„Unsere Plastiken sollen darstellen, wie die Juden zur Zeit des Nationalsozialismus seelisch und körperlich gequält wurden. Bei unserer Plastik sind keine Organe mehr vorhanden. Sie wurden ihr entrissen. Die Füße wurden abgeschnitten. Sie sind dort, wo sie abgeschnitten wurden, völlig zerfetzt. Auch die rechte Schulter ist sehr zerfetzt, da sie dort von einer Bombe getroffen wurde. Die Brandflecken an der Fußwunde weisen darauf hin, dass die Person auch mit Feuer gequält wurde.“
 
<<Die gequälte Seele>>
 
Die Figur wurde körperlich wie auch seelisch misshandelt. Sie wurde körperlich wie auch seelisch von Familie, Freunden und Bekannten enttäuscht und im Stich gelassen. Von Außenstehenden wurde sie gedemütigt. Von Soldaten wurde sie gequält, getreten und verstümmelt. Sie leidet unter Hunger, Durst und Kälte.
Nach diesem Akt der grausamen Folter an Seele und Geist vertraute sie keinem mehr.
Die Figur wirkt auf uns, als wenn ihr in ihrem wirklichen Leben viel Schreckliches widerfahren wäre. Sie liegt mit dem Bauch auf dem Boden, so, als wäre sie zusammengeschlagen worden.
 
„Wir haben uns gedacht, dass wir die Hülle des Menschen (Juden) zur Zeit Hitlers mit all ihrem Schmerz und Leiden zeigen.
Die verbrannten Stellen der Haut zeigen wie viel Schmerz sie erleiden mussten. Am Arm ist die Haut bis auf den Grund verbrannt.
Neben dem Loch im Bauch zeigen sich Knochen. Das Loch im Bauch erklärt die Leere der Menschen.
Die Maske im Innern zeigt den Schmerz, der zu fliehen versucht. - 
Meinem Körper wurde die Identität entzogen.“
 
HINRICHTUNG I
 
DER STRICK SYMBOLISIERT DIE hinrichtung AN SICH.
DAS gebrochene genick ZEIGT, DASS DIE PERSON IHRE hoffnung VERLOREN HAT.
DAS LEBEN DER PERSON WURDE zerstört.
DASS DIESE PERSON klein IST, KANN BEDEUTEN:

 
DASS DIE HINGERICHTETE PERSON EIN kind IST - SELBST KLEINE KINDER WERRDEN NICHT VERSCHONT -,
DASS SIE DURCH DIE unterdrückung IHREN MUT, AUFRECHT ZU SEIN, VERLOREN HAT.

 
HINRICHTUNG II
 
ES KANN SEIN, DASS DER der leblose Körper VON DER PERSON BEVORZUGT WURDE, WEIL SIE DAS LEBEN NICHT MEHR ERTRUG: - selbstmord - EIN AUSWEG AUS DER VERZWEIFLUNG.
DAS schwarze umfeld NAHM IMMER MEHR BESITZ EIN VON DER PERSON.
SIE WOLLTE IHR herz, IHRE seele VOR DEN AUSWIRKUNGEN DES SCHWARZEN UMFELDES SCHÜTZEN. der einzige ausweg: der tod!

 
Schmerzkörper
 
Diese Figur soll ein Brandopfer darstellen.
Sie muss körperliche und seelische Qualen durchleiden.
Nach dem Brandunfall ist kein Lebensmut mehr vorhanden, Hilflosigkeit und Einsamkeit haben sich eingestellt.
Die Narben haben ihn isoliert. Er hat Angst, nicht anerkannt zu werden und ein Außenstehender zu sein.

Keine Akzeptanz seines Aussehens, Verstecken des Körpers unter Bandagen.
Aus dem Leben scheiden...
„An dieser Plastik kann man Kriegsverletzungen von Verbrennungen bis Schusswunden sehen.
Wie man erkennen kann, wurde die Person durch verschiedene Waffen verletzt, wie z. B. eine Granate, die ihn an der rechten Flanke schwer verletzt hat. Am Oberkörper sind mehrere Schusswunden vorhanden. Dazu kommen Verbrennungen und Verstümmelungen. Arme und Kopf sind abgetrennt worden. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieser Mensch viele qualvolle Ereignisse miterlebt hat. Diese Qualen waren aber nicht nur körperlich. Ein großer Teil der Qualen waren auch psychische Leiden. Krieg belastet nicht nur den Körper sondern auch den Geist und die Seele.
Wenn man den Krieg überlebt, wird man ihn den Rest seines Lebens nicht vergessen.“
 
Auch die Texte der SchülerInnen dokumentieren die „reaktualisierte Phantasie der Wunde“ (Kamper). Aspekte der diversen Verletzungen von außen, der Unfreiwilligkeit und des Ausgesetztseins werden thematisiert und ihre Folgen für die Zerstörung der Körper und der Auslöschung der Seele geschildert. Zum Beispiel dokumentieren „Löcher im Bauch“ „die Leere der Menschen“. Die gebeugte Haltung einiger Figuren verweist als Folge von „Unterdrückung“, auf den Verlust des „Mutes, aufrecht zu sein“ und drückt allgemeine Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung aus. „Selbstmord“ wird hier zum einzigen Ausweg aus der Verzweifelung.
Trotz des Wunsches der SchülerInnen einzelne biographische Spuren zu berücksichtigen, fällt die große Ähnlichkeit der Figuren und auch mehrerer Texte auf. Das Verhältnis von Anonymität und persönlicher Differenzierung, das in den <<crowds>> und <<backs>> zu beobachten ist, wird auch in den Schülerarbeiten sichtbar. Die Einzelwesen sind - wie auch Benthien es beschreibt - mit dem Aufbrechen des Leibes - ausgelöscht. Durch den dargestellten und beschriebenen „Identitätsentzug“ werden sie somit zur Opfermasse.
Es fällt auf, dass die SchülerInnen in ihren erinnernden Texten den Bezugsrahmen über den Holocaust hinaus erweitern und auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse einbeziehen.
Mehrere Schülerinnen sprechen vom „Krieg“, von den Gewalteinwirkungen durch „Bomben“ und Granaten, die Körper und Seele vernichten und Spuren hinterlassen, die auch von Überlebenden niemals vergessen werden können. Transformationen zu medialen Bildern von Kriegen der Gegenwart werden mündlich formuliert. Diese Anbindung an die täglichen Fernsehbilder zeigt sich auch an dem Text einer Schülergruppe, die sich auf Unfallopfer (Brandopfer) bezieht.
Es werden auch psychische Erfahrungen benannt, die aus dem Erlebnishorizont der SchülerInnen stammen. Wenn von „Enttäuschungen“ und Ängsten gesprochen wird, „in Stich gelassen“, „nicht anerkannt“ zu werden oder „Außensteher“ zu sein, dann sucht erinnernde Empathie den Bezug zu den eigenen Empfindungen und Ängsten.
 
Erinnernde Spurensuche während der Ausstellung und Fortschreiten auf den gefundenen Erinnerungspfaden
 
Eine Ausstellung der Schülerarbeiten im Foyer der Schule möchte auch andere SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zur erinnernden Spurensuche anregen.
Impulse geben die Figuren und die Schülertexte. Darüber hinaus gibt es Führungen und Gesprächsrunden, in denen unsere SchülerInnen Erläuterungen geben oder Gespräche zur Thematik moderieren.
Beobachtungen der Rezipienten zeigen, dass die <<Schmerzkörper>> mit ihren Wunden, Narben, ihrer Gesíchtslosigkeit und Verstümmelung BesucherInnen in ihren Bann ziehen und Betroffenheit und Trauer auslösen. Besonders jüngere Schülergruppen benötigen zur Verarbeitung dieser Anblicke weitere Erklärungen innerhalb des Geschichts- oder Religionsunterrichts. Insgesamt belegen unterrichtliche Vertiefungen und intensive Gespräche vor den <<Schmerzkörpern>>, dass ein größerer Teil der Schulgemeinde mit auf Erinnerungssuche geht und unsere Pfade weiter mit verfolgen will.
Neben dieser Resonanz erleben wir aber auch Erinnerungsverklärungen oder -verweigerungen, die uns sehr erschrecken. „Uschi“, die gesunde, lebendige Mädchengestalt, die den Gegenpol zu den <<Schmerzkörpern>> zeigt, wird durch einen anonymen, aggressiven Anschlag auch zum <<Schmerzkörper>>. Sie wird hingerichtet und damit zum Opfer mutwilliger „Ausrottungs- und Vernichtungsphantasien“ (vgl. Schmitt).
 
 
                         Abb.13
Offensichtlich kann jemand, den wir leider nicht identifizieren können, den Anblick eines gesunden Körpers nicht ertragen.
  
Diese Tat zeigt uns um so deutlicher, wie aktuell die Thematik ist. Unsere SchülerInnen geben nicht auf. Sie gestalten eine neue <<Uschi>> und sind durch diesen Anschlag, um so motivierter, Erinnerungsarbeit anhand der Wunden der <<Schmerzkörper>> fortzuführen.
 
Nachwirkungen:
Im Oktober 2001 gab es eine Gelegenheit, Erinnerungspfade weiter zu verfolgen und eine größere Öffentlichkeit mit auf diesen Weg zu nehmen. Die <<Schmerzkörper>> wurden in der Dortmunder Buchhandlung „Niehörster“ ausgestellt. Den Anlass hierzu boten Lesungen zum Thema „Holocaust“.
 
Verfasserin: Dr. Beate Schmuck, RLin an der MBR


[1] Heinz Schmitt: Erinnern und Gedenken, in: Kunst + Unterricht, H. 227/1998, S. 3
 
 
[2] Eine Übersicht über alle Projekte befindet sich auf der Homepage der MBR
     http://ods.dokom.net/mbr/netdays/01/buecherverbr/plan.htm

[3] Am 10. Mai 1933 drangen SA - Männer, NS-Studenten und Polizisten in öffentliche und private Bibliotheken in Deutschland ein, schleppten die von Hitler verteufelten Bücher auf die Straße und warfen sie auf Scheiterhaufen: 25.000 Bücher wurden in Berlin und anderen Hochschulstädten verbrannt.
 
[4] Dietmar Kamper: Phantasie und Gedächtnis - Das Drama der Erinnerung, in: Zacharias, Wolfgang (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung - Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung, Essen, 1990, S. 212

[5] Vgl.: Gunter Otto: Magdalena Abakanovicz, in: Kunst + Unterricht, H. 200 / 1996, S. 22ff.;
Gallwitz, Klaus, Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena Abakanovicz - Skulpturen 1967-1989, Frankfurt a. M., 1989; Rose, Barbara: Magdalena Abakanovicz, New York, 1994.
 
[6] Dietmar Kamper: Phantasie und Gedächtnis - Das Drama der Erinnerung, in: Zacharias, Wolfgang (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung - Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung, Essen, 1990, S. 213.
 
[7] Schmitt, S. 3.
 
[8] Id., S. 4.
 
[9] Ib..
 
[10] Das gilt auch für uns als LehrerInnen, die in den 50er, 60er oder 70er Jahren geboren wurden.
 
[11] Vgl. Herbert Hötte: Beobachtungen zum Umgang mit der unangenehmen Geschichte am Beispiel einer KZ-Gedenkstätte, in: Hans-Hermann Grope, Frank Jürgensen (Hg.): Gegenstände der Fremdheit. Museale Grenzgänge, Marburg, 1989, S. 114.
 

[12] Id., S. 115.
 
[13] Diese Möglichkeit, Zeitzeugen zu befragen wird es in einigen Jahren nicht mehr geben.
 
[14] Schmitt, S. 6; Schmitt stützt sich in dieser Aussage auf die Forschungsergebnisse John Kotres (1996), der die Hypothese verdichten konnte, dass das Gedächtnis (Erinnerungen/Realität) eher interpretiert als faktengetreu wiedergibt. “Im Hinblick auf die Verfestigung der Konturen des Eigenbildes des jeweiligen Menschen besteht - zunehmend mit dem Alter - die Tendenz zum Schönen, Glätten, zur Vorteilnahme, zur Vermeidung unangenehmer Fakten oder zur Eliminierung von Widersprüchen.“ (S. 6)
 
[15] Vgl. Jörg Grütgen: Fotos, Gegenstände, Orte - Verlorenes festhalten. In: Kunst + Unterricht, 1999, S. 15.
 
[16] Kamper, S. 212.
 
[17] Kamper, S. 212.
 
[18] Kamper, S. 213.
 
[19] Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte - Körperbilder - Grenzdiskurse, Reinbek, 1995, S. 7.
 
[20] Vgl. Anzieu, Didier, Das Haut - Ich, 3. Aufl., Frankfurt a. M., 1992.
 
[21] Serres, Michel: Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische, 2. Aufl., Frankfurt a. M., 1994, S. 24.
 

[22] Vgl. Benthien, Kap. 4.
 
[23] Benthien, S. 85.
 
[24] Oettermann, Stephan: Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa, 4.Aufl., Hamburg, 1995, S. 109.
 
[22] Id., S. 109f..
 
[23] Id., S. 111.
 
[24] Id., S. 112f..
 
[25] Benthien, S. 93.
 
[26] Scarry, S. 43ff..
 
[27] Id., Umschlagtext.
 
[28] Id., Umschlagtext.
 
[29] Id., S. 13.
 
[30] Id., S. 43, Einschub: Schmuck.
 
[31] Id., S. 44.
 

[32] Id., S. 15.
 
[33] Vgl., S. 11.
 
[34] Vgl.: Gunter Otto: Magdalena Abakanovicz, in: Kunst + Unterricht, H. 200 / 1996, S. 22ff.;
Gallwitz, Klaus, Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena Abakanovicz - Skulpturen 1967 - 1989, Frankfurt a. M., 1989; Rose, Barbara: Magdalena Abakanovicz, New York, 1994.
 
[35] Rose, S. 49.
 
[36] Id., S. 55ff; 76.
 
[37] Id., S. 128ff..
 
[38] Vgl. Peter Heber in: Kunst + Unterricht, H. 200 / 1996, S. 39.
 
[39] Id., S.39.
 
[40] Der Perceptions- und Interpretationsrahmen der Skulpturengruppen geht weit über diese Assoziationen hinaus. Er bezieht sich auf das Phänomen der Masse. Es geht „sowohl um den Verlust der Individualität in der und durch die Masse als auch um den Kampf des Subjekts um Überleben.“ (Gunter Otto: Individuell und anonym - Zu den Plastiken von Magdalena Abakanovicz, in: Kunst + Unterricht, H. 200 , 1996 S. 21) Magdalena Abakanovicz äußert sich am Beispiel der <<Backs>> selbst zum allgemeinen Assoziationsrahmen ihrer Werke. Sie schreibt: „... metaphorische Darstellungen der menschlichen Lebensbedingungen im Allgemeinen, über all diese Sehnsüchte und Ängste, welche die menschliche Existenz - wie auch meine eigene - von Anfang an begleitet haben. Gleichzeitig handeln sie auch von meiner Erfahrung mit der Masse Mensch - diesem furchterregenden kopflosen Organismus, der auf Kommando anbetet und haßt und dessen Reaktionen unvorhersehbar und gefährlich sind.“ (zit. nach: Helga Behn: Menschenbilder - Bildermenschen, in: Vernissage, Nr. 5 , 1995 , S. 45.
 

[41] Ursula Grzechca - Mohr: Menschliche Prägung wird rohes Material - Zu den plastischen Arbeiten von Magdalena Abakanovicz, in: Gallwitz, Klaus, Städt. Galerie im Städelschen Kunstinstitut: Magdalena Abakanovicz , S. 12; 13.
 
[42] Id., S. 13.
 
[43] Sabine Kern (Homepage der MBR)
 
[44] Je nach räumlichem Kontext und Betrachterperspektive scheinen die <<crowds>> entweder massiven äußeren und inneren Bedrohungen ausgesetzt zu sein oder als Armee formiert wirken sie selbst aggressiv und gefährlich. Im Hinblick auf die Gestaltung der <<Schmerzkörper>> konzentrieren wir uns auf die, der Bedrohung ausgesetzte Perspektive.
 
[45] Rose, S. 135.
 
[46] Vgl. Ebeling, Ingelore, Masken und Maskierung, Köln, 1984, S. 58.
 
[47] Abakanovicz hat auch Werkgruppen aus Bronze hergestellt, wie z.B. <<Bronze Crowd>> (1990 -1991); vgl. Rose, S. 134f..
 
[48] Vgl. Richtlinien und Lehrpläne für die Realschule in NRW - Textilgestaltung, Düsseldorf, 1993, S. 96.
 
[49] Sabine Kern (Homepage der MBR)
 
[51] Sabine Kern (Homepage der MBR)